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Süßwasserschnecken

1. Teil: Kiemenatmende Süßwasserschnecken
(Kahnschnecken, Flussdeckelschnecken, Schnauzenschnecken)

Übersicht

Kiemenatmende Süßwasserschnecken: Kahnschnecken, Flussdeckelschnecken, Schnauzenschnecken.
Lungenatmende Süßwasserschnecken: Schlammschnecken, Posthornschnecken, Flussnapfschnecken, Blasenschnecken.

 
Klasse Artenzahl
Schnecken (Gastropoda) 43.000
Muscheln (Bivalvia) 10.000
Kopffüßer (Cephalopoda) 650
Kahnfüßer (Scaphopoda) 600
Einschaler (Tryblidia) 20
Käferschnecken (Placophora) 750
Furchenfüßer (Solenogastres) 230
Schildfüßer (Caudofoveata) 120
Weichtiere (Mollusca) 55.400
Artenzahlen der Weichtiere. Diagramm.

Schnecken und Muscheln sind die einzigen Weichtiere, die außer im Meer auch im Süßwasser, also in Flüssen und Bächen, in Teichen und Seen, vorkommen. Während die Lebensbedingungen im Meer, abgesehen von den Küstenzonen, weitgehend gleichförmig sind, stellen die Lebensräume an Land ein Mosaik aus kleinen ökologischen Räumen dar, die räumlich und zeitlich stark variieren können und daher von ihren Bewohnern eine starke ökologische Anpassung verlangen.

Im Verlauf der Evolution hat dies zur Folge, dass verwandte Gruppen durch diese ökologische Anpassung voneinander isoliert werden, es kommt zur Artbildung und zur Entstehung zahlreicher ökologisch besonders angepasster Arten. Aufgrund dessen sind die Land- und Süßwasserschnecken im Vergleich zu ihren meereslebenden Verwandten viel artenreicher, ähnliches gilt für die Muscheln.

Im Vergleich zu den übrigen, ausschließlich meereslebenden, Weichtierklassen weisen Schnecken und Muscheln dadurch eine weit höhere Artenzahl auf (vgl. Tabelle). Von den etwa 55.400 bekannten Weichtierarten nach neuerer Schätzung, nehmen Schnecken und Muscheln etwa 53.000 Arten ein, davon die Schnecken als einzige landlebende Weichtiergruppe 43.000 Arten, über drei Viertel aller Weichtierarten.

Ein morphologischer und ökologischer Vergleich einiger mitteleuropäischen Süßwasserschneckenarten zeigt sehr unterschiedliche Eigenschaften, die eine nähere Verwandtschaft zu meereslebenden (marinen) Gruppen erkennen lassen, als zu anderen süßwasserlebenden (limnischen) Gruppen. Aus diesem Grund geht man davon aus, dass der Übergang vom Meer ins Süßwasser mehrfach zu unterschiedlichen Zeitpunkten der Erdgeschichte und im Bereich unterschiedlicher systematischer Gruppen stattgefunden haben muss.

 
Quellenschnecke (Bythinella cylindrica) aus Österreich.
Die Gehäusehöhe dieser Art beträgt etwa 3 mm!
Bild: © Alexander Mrkvicka, Wien (mrkvicka.at).

Vier ausgewählte Arten werden auf der vorliegenden Seite beschrieben, weitere kiemenatmende Süßwasserschnecken finden gesonderte Beachtung:

Gemeine Kahnschnecke (Theodoxus fluviatilis L. 1758)


Gemeine Kahnschnecke (Theodoxus fluviatilis).
Bild: © Vollrath Wiese, Haus der Natur.
 

Das Beispiel der Gemeinen Kahnschnecke (Theodoxus fluviatilis L. 1758) verschafft uns heute eine Vorstellung davon, wie im Verlauf der Erdgeschichte der Übergang von Schnecken aus dem Meer ins Süßwasser ausgesehen haben könnte: Eine Unterart der Gemeinen Kahnschnecke, Theodoxus fluviatilis littoralis, lebt an der Ostseeküste zwischen Mecklenburg und Pommern im Brackwasser, wo sich Salzwasser und Süßwasser im Gebiet von Flussmündungen vermischen. Die Anpassung der Schnecke an die salzige Umgebung (Osmoregulation) erfordert einen hohen Energieaufwand, weshalb diese Unterart kleiner und dünnschaliger ist, als die ausschließlich süßwasserlebenden Unterarten. Kahnschnecken leben weltweit als Meeres-, Süßwasser- und Landbewohner. Zur Einschätzung dieser Unterart vgl. Gemeine Kahnschnecke (Theodoxus fluviatilis).

Kahnschnecken sind urtümlichen Schnecken mit einem dickwandigen, halbeiförmigen Gehäuse, dessen wenige Umgänge rasch auf den Mündungsdurchmesser zunehmen und zusätzlich mit zunehmendem Alter der Schnecken verschmelzen. Die Musterung ihrer meist gestreiften Schale ist so variabel, dass man Kahnschnecken aus verschiedenen Regionen ihres Verbreitungsgebietes oft nur anhand ihres charakteristischen Deckels (Operculum) bestimmen kann, der bei Bedarf die Gehäusemündung verschließt. 

Der bevorzugte Lebensraum der Gemeinen Kahnschnecke sind große Fließgewässer mit hartem Untergrund. Hier leben sie von Kieselalgen (Diatomeen). Der harte Silikatpanzer der Kieselalge muss von der Schnecke am Untergrund zerdrückt werden, bevor die Kieselalge verdaut werden kann. Kahnschnecken sind Kiemenatmer. Sie sind getrennt geschlechtlich und legen Eikapseln am Untergrund und auch an den Schalen der Artgenossen.

Gewässerbau und Wasserverschmutzung haben der Kahnschnecke unter anderem ihre Nahrungsgrundlage entzogen, so dass sie heute auf der Roten Liste der gefährdeten Arten zu finden ist. Aus diesem Grund wurde die Gemeine Kahnschnecke auch als Weichtier des Jahres 2004 gewählt. Andere Kahnschneckenarten in Mitteleuropa sind z.B. die Donau-Kahnschnecke (Theodoxus danubialis) und die Gestreifte Kahnschnecke (Theodoxus transversalis).

Mehr über Kahnschnecken.

Spitze Flussdeckelschnecke (Viviparus contectus Millet 1813)

 
Hinter dem linken Fühler dieser Flussdeckelschnecke befindet
sich der Einströmsipho. Der rechte Fühler im Hintergrund ist zu
einem Begattungsorgan umgebildet - es handelt sich also um
ein Männchen. Bild: © Alexander Mrkvicka, Wien.

Spitze Flussdeckelschnecke (Viviparus contectus).
Bild: Robert Nordsieck.
 

Im Gegensatz zur Kahnschnecke besitzt die Spitze Flussdeckelschnecke (Viviparus contectus) ein bauchiges, gewundenes Gehäuse mit einer charakteristischen Schneckenspirale, dessen Mündung bei Bedarf, wie bei der Kahnschnecke, mit einem Deckel (Operculum) verschlossen werden kann. Sumpf- und Flussdeckelschnecken (Viviparidae) gehören zur Überfamilie Ampullariacea, sie sind also mit den im Aquarium gehaltenen tropischen Apfelschnecken (Ampullariiidae) verwandt.

In Europa leben mehrere Viviparus-Arten, von denen die meisten im bewegten Wasser von Tieflandflüssen und der Uferzone (Litoral) großer Seen leben. Flussdeckelschnecken sind Pflanzenfresser, die am Gewässerboden Pflanzen abweiden. Mit dem Atemwasser können sie jedoch auch Filterstoffe aufnehmen. An einer nahrungsreichen Stelle halten sie sich dann oftmals längere Zeit auf.

Auf der Nahrungssuche kriechen die Jungtiere der Spitzen Sumpfdeckelschnecke (Viviparus contectus) ebenso an der Wasseroberfläche hängend, wie Schlammschnecken (Lymnaeidae).

Der vordere Kopfbereich ist bei der Flussdeckelschnecke zu einem deutlichen Rüssel ausgezogen, links und rechts von dem sich die beiden Fühler befinden. Bei der Nahrungsaufnahme benutzt die Flussdeckelschnecke, wie andere Schnecken, ihre Raspelzunge (Radula), mit der sie Nahrungsteilchen abraspelt und anschließend schluckt.

  J. Ramsauer: Radulae - Elektronenmikroskopische Bilder von der Universität Salzburg, unter anderem auch von Viviparus contectus.

 
Jungtier von Viviparus contectus. Bild: Micaela Brugsch.

Sumpfdeckelschnecken sind getrennt geschlechtlich, bei manchen Arten ist sogar ein deutlicher Geschlechtsdimorphismus zu erkennen - die Weibchen sind größer und ihre Schalen bauchiger als die der Männchen.

Beim Männchen ist der rechte Fühler zu einem Begattungsorgan umgebildet. Der wissenschaftliche Name der Flussdeckelschnecke, Viviparus, rührt von der Art der Entwicklung ihrer Nachkommen her: Flussdeckelschnecken sind ovovivipar - sie legen keine Eier, sondern aus den Eiern entwickeln sich im Körper des Muttertieres fertige Jungtiere, die anschließend zur Welt gebracht werden (siehe Bild rechts). Die Schale von Jungtieren der spitzen Flussdeckelschnecke (Viviparus contectus) ist mit Haaren besetzt, die ihre Tarnung verbessern, indem sie Bodenpartikel an die Schale binden und das Tier so vor der Umwelt verstecken.


Bild: Prof. G. Ribi, Uni Zürich (Quelle).
 

Ovoviviparie kommt auch bei manchen Landschnecken (z.B. Schließmundschnecken, Clausiliidae) vor. Der Unterschied zur echten Viviparie, wie etwa bei Säugetieren, besteht darin, dass Eier gebildet werden, die nur nicht gelegt werden. Anstatt dessen findet die Entwicklung der Jungtiere zwar im Ei, aber im schützenden Körper des Muttertiers statt. Im Winter bleiben die Embryonen im Körper des Muttertiers und kommen erst im Frühling zur Welt.

Wolfgang Fischer: Checkliste der europäischen Viviparidae, rezente und fossile Arten.

Die Donau-Sumpfdeckelschnecke (Viviparus acerosus) ist von Wien aus abwärts in großen Flüssen, Seen und anderen Gewässern mit Stillwasserzonen des Stromsystems der Donau verbreitet, in Deutschland aber nur vereinzelt, bei Passau und bei Geislingen zu finden. Die Bestände der Populationen gehen aber, beispielsweise im Nationalpark Donauauen, in Besorgnis erregender Weise zurück, so dass diese Sumpfdeckelschnecken-Art in Österreich kurz vor dem Aussterben steht.

Mehr über die Donau-Sumpfdeckelschnecke (Viviparus acerosus).

Schnauzenschnecke (Bithynia tentaculata L. 1758)


Schnauzenschnecke (Bithynia tentaculata). Bild: Lars Peters.
 

Im Altertum befand sich die Landschaft Bithynien (griech. Βιθυνία, Bithynia) im nordwestlichen Kleinasien, an der Südküste des Marmara-Meeres zwischen Bosporus und dem Schwarzen Meer.

Die Schnauzenschnecken (Bithyniidae), die ihren Namen diesem antiken Landstrich verdanken, sind auf allen Kontinenten weit verbreitet, außer in Amerika, wo nur Bithynia tentaculata eingeschleppt lebt. Während im Mittelmeerraum noch weitere Arten von Schnauzenschnecken vorkommen, sind in Mitteleuropa nur drei Arten heimisch: Die Gemeine Schnauzenschnecke (Bithynia tentaculata), die Bauchige Schnauzenschnecke (Bithynia leachi) und die Östliche Schnauzenschnecke, bei der sich die Geister (noch) scheiden, ob sie Bithynia troschelii heißen darf oder Bithynia transsilvanica heißen muss.

Das kegel- bis eiförmige Gehäuse der Schnauzenschnecke wird von einem dicken, kalkigen Schalendeckel verschlossen dessen konzentrischer Aufbau typisch für die Gemeine Schnauzenschnecke ist. Schnauzenschnecken atmen mit Kiemen, so dass sie außerdem ihr Atemwasser nach Nahrungsteilchen durchfiltern können, ähnlich wie eine Flussdeckelschnecke. Außerdem ernähren sich Schnauzenschnecken von zerfallendem Pflanzenmaterial und anderen organischen Überresten (Detritus).

Bevor es seine etwa 20 - 40 einzelne Eier ablegt, reinigt das Weibchen die Unterseite von Steinen, Muschelklappen und Pflanzenteilen extra von Algen. Anschließend fügt es die Eier mit dem Fuß zu einem Laichband zusammen.

Schnauzenschnecken gehören zu den Rissooidea, einer sehr artenreichen Überfamilie, zu der unter anderem die Quellschnecken (Amnicolidae), die Wattschnecken und Zwergdeckelschnecken (Hydrobiidae) und die Steinkleber (Lithoglyphidae) gehören.

Mehr über Schnauzenschnecken (Bithyniidae).

Zusammenfassung

Vergleicht man nun die drei zuvor beschriebenen Süßwasserschneckenarten, so stellt man fest, dass sie sämtlich mit Kiemen atmen und am Ende ihres Fußes einen Deckel tragen. Sie besitzen nur zwei Fühler oder Tentakel, an deren Basis sich die Augen befinden. Der Kopf der Schnecken ist zu einer deutlichen Schnauze ausgezogen, die im Fall der Schnauzenschnecken sogar zu ihrem besonderen deutschsprachigen Namen geführt hat. Alle geschilderten Schneckenarten sind getrennt geschlechtlich - es gibt Weibchen und Männchen, die sich teilweise deutlich voneinander unterscheiden. Als Besonderheit ist die Entwicklung der Jungen der Flussdeckelschnecke zu erwähnen, die lebende Junge zur Welt bringt, die zuvor im Körper des Muttertiers aus dem Ei geschlüpft sind (Ovoviviparie).

Fortsetzung

Weiter zu den lungenatmenden Süßwasserschnecken!

Weiterführende Informationen