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Süßwasserschnecken

2. Teil: Lungenatmende Süßwasserschnecken
(Schlammschnecken, Posthornschnecken, Flussnapfschnecken, Blasenschnecken)

Übersicht

Kiemenatmende Süßwasserschnecken: Kahnschnecken, Flussdeckelschnecken, Schnauzenschnecken.
Lungenatmende Süßwasserschnecken: Schlammschnecken, Posthornschnecken, Flussnapfschnecken, Blasenschnecken.


Blasenschnecke (Familie Physidae) flottierend an der Untersei-
te der Wasseroberfläche. Bild: © Vollrath Wiese.
 

Zahlreiche andere süßwasserlebende Schneckenarten sind aber keine Kiemenatmer. Ihre Kiemen haben sich zurück gebildet. Stattdessen atmen sie, ähnlich wie Landschnecken, durch das gut durchblutete Dach der Mantelhöhle. Man bezeichnet dieses Organ als Schneckenlunge, diese  damit atmenden Schnecken als Lungenschnecken (Pulmonata). Die Lungenschnecken machen den bei weitem größten Teil der bekannten Schneckenarten aus. Der Vorteil der Lungenatmung für Landschnecken liegt auf der Hand: Sie können aus der 'trockenen' Luft Sauerstoff aufnehmen.

  Schlammschnecke (Lymnaea stagnalis)
Spitzschlammschnecke (Lymnea stagnalis) weidet die Oberflä-
chenhaut des Wassers ab. Bild: Robert Nordsieck.

Um dies tun zu können, müssen die lungenatmenden Süßwasserschnecken regelmäßig an die Wasseroberfläche. Dazu kriechen sie an Pflanzen empor oder lassen sich einfach an die Oberfläche treiben. Manche Süßwasserlungenschnecken können auch an der Unterseite der Wasseroberfläche entlang kriechen, dabei Algen fressen und Sauerstoff aufnehmen. Dies wird durch die Oberflächenspannung des Wassers ermöglicht, wegen der auch ein Wasserläufer über die Oberfläche laufen kann.

Zahlreiche Lungenschnecken flottieren an der Unterseite der Wasseroberfläche (neben den Physidae links oben im Bild z.B. auch Lymnaeidae und Planorbidae), allerdings dient dieses Verhalten nicht ausschließlich der Sauerstoffaufnahme, sondern vor allem auch der Nahrungssuche, da Algen von der Unterseite der Wasseroberfläche abgeweidet werden können. Besonders bei Schlammschnecken kann man gut erkennen, wie die Schnecke einen Teil der Oberflächenhaut einsaugt, um die Algen abzuweiden.

Drei ausgewählte Arten werden auf der vorliegenden Seite beschrieben, weitere lungenatmende Süßwasserschnecken finden gesonderte Beachtung:

Spitzschlammschnecke (Lymnaea stagnalis L. 1758)

 
Spitzschlammschnecke (Lymnea stagnalis) mit Blasenschnecke
(Physella acuta). Bild: Lars Peters.

Zu den wasserlebenden Lungenschnecken gehören z.B. die Schlammschnecken (Lymnaeidae). Die Spitzschlammschnecke (Lymnaea stagnalis L. 1758) ist mit bis 60 mm Schalenhöhe die größte Gehäuseschnecke Europas, im Gegensatz zur größten landlebenden Gehäuseschnecke, der Weinbergschnecke (Helix pomatia) mit höchstens 50 mm Gehäusehöhe und der größten Schnecke überhaupt in Europa, dem schwarz-grauen Schnegel (Limax cinereoniger) mit über 20 cm (!) Körperlänge.

Schlammschnecken besitzen ein lang gezogenes, im Mündungsbereich oft charakteristisch aufgeblasenes Gehäuse. Sie leben vor allem in ruhig fließenden und stehenden Gewässern, wie Teichen und Flussauen, wo sie Pflanzenmaterial und verrottendes organisches Material fressen. Betrachtet man den Kopf einer Schlammschnecke, so kann man erkennen, dass ihr die Schnauze einer Schnauzenschnecke oder Flussdeckelschnecke fehlt. Ebenso fehlt ihr, wie allen Lungenschnecken, der Schalendeckel.

Ebenso, wie alle anderen wasserlebenden Schnecken, besitzen Schlammschnecken nur zwei Fühler, die sie nicht einziehen können. An deren Basis befinden sich die Augen, im Bild rechts als schwarze Punkte vor den Fühlern zu erkennen. Die dreieckigen Fühler der Schlammschnecken sind von zahlreichen Blutgefäßen durchzogen, die eine Hautatmung ermöglichen, so dass die Schnecke zum Atmen weniger oft auftauchen muss. Das Atemloch ist zu einem Atemrohr ausgezogen, das der Schnecke beim Atmen als Schnorchel dienen kann.

Eipaket einer Schlammschnecke  

Schlammschnecken sind Zwitter, deren charakteristische Eipakete (Bild) man an den Blättern von Wasserpflanzen finden kann. Im Gegensatz zur Weinbergschnecke, bei der die Begattung gleichzeitig und wechselseitig stattfindet, wirken Schlammschnecken bei der Begattung höchstens abwechseln als Männchen und als Weibchen, jedoch nicht gleichzeitig.

In Populationen mit einer geringen Kopfzahl, z.B. nach der Neubesiedlung eines Gewässers, können Schlammschnecken auch Selbstbefruchtung betreiben. Dadurch findet eine Vermehrung statt. Für eine Vermischung der Gene ist jedoch, wie bei anderen Tieren eine geschlechtliche Fortpflanzung von Nöten.

Schlammschnecken sind auch für Forschungen im Bereich der Genetik verwendet worden. Am Beispiel der Gemeinen Schlammschnecke (Radix labiata, damals Lymnaea peregra) hat der amerikanische Genetiker Alfred Henry Sturtevant (1891-1970) bewiesen, wie die Windungsrichtung der Schneckenschale vererbt wird. Die Leberegelschnecke (Galba truncatula), die ebenfalls zu den Schlammschnecken gehört, ist der Zwischenwirt des großen Leberegels (Fasciola hepatica), dessen Befall beim Endwirt, im Allgemeinen einem Säugetier, auch beim Menschen, schwere Leberschäden hervorrufen kann.

Mehr über Schlammschnecken (Lymnaeidae).

Posthornschnecke (Planorbarius corneus L. 1758)


Posthornschnecke (Planorbarius corneus).
Bild: © Alexander Mrkvicka, Wien (mrkvicka.at).
 

Die Bezeichnung Posthornschnecke rührt von der Ähnlichkeit ihres Gehäuses mit einem Posthorn her, wie es früher zum Wappen der deutschen Bundespost gehörte. Der wissenschaftliche Name, Planorbis, hingegen kommt von der flach gewundenen Form (Plan-Orbis: Lat.: Flache Scheibe) der Schale, deren Gewinde nicht, wie bei anderen Schneckenschalen, ansteigt, sondern sich sogar nach innen zu einsenkt.

Posthornschnecken gehören zur Familie der Tellerschnecken (Planorbidae). Zusätzlich zu den tellerförmigen Posthornschnecken gehören zu dieser Familie aber auch so untypisch geformte Schneckenarten, wie die Flussnapfschnecke (Ancylus fluviatilis, s. u.).

 
Film: Posthornschnecke (Planorbarius corneus) im Aquarium.
Quelle: YouTube.

Die meisten Posthornschnecken sind Bewohner stiller, pflanzenreicher Gewässer und können auch zeitweiliges Trockenfallen ihres Gewässers ertragen. Im Gegensatz zu zahlreichen anderen Schnecken besitzt die Posthornschnecke rotes Blut - ihr Blutfarbstoff ist Hämoglobin, wie beim Menschen. Bei Aquarienbesitzern begehrt sind pigmentarme Exemplare, die aufgrund des roten Blutes rötlich aussehen.

Ähnlich, wie bei der Schlammschnecke, kann man auch bei der Posthornschnecke erkennen, dass ihr ein Deckel am Fußende fehlt. Ähnlich aussehende Arten, wie die gestreifte Posthorn-Deckelschnecke (Marisa cornuarietis), besitzen einen Deckel und gehören zu einer völlig anderen Schneckengruppe (den Apfelschnecken, Ampullariidae, ähnlich der heimischen Flussdeckelschnecke).

Auch die Posthornschnecke besitzt keine Schnauze, sondern deutlich ausgeprägte Lippen. Ihre beiden Fühler sind nicht einziehbar, die Augen befinden sich an der Basis der Fühler. Posthornschnecken sind, wie Schlammschnecken, Zwitter, die ihre flachen, scheibenförmigen Eipakete an Wasserpflanzen und Steinen ablegen.

Auch manche Arten von Posthornschnecken sind als Zwischenwirte gefährlicher Parasiten bekannt geworden, so dient z.B. die tropische Posthornschnecke Biomphalaria glabrata als Zwischenwirt für den Erreger der Tropenkrankheit Bilharziose, die wegen des wissenschaftlichen Namens des Erregers, des Pärchenegels Schistosoma mansoni, auch als Schistosomiasis bezeichnet wird.

Mehr über Tellerschnecken (Planorbidae).

Flussnapfschnecke (Ancylus fluviatilis O.F. Müller 1774)

 
Die Flussnapfschnecke (Ancylus fluviatilis) ist trotz ihres unty-
pisch geformten Gehäuses ein Verwandter der Posthornschne-
cken. Bild: © Alexander Mrkvicka, Wien (mrkvicka.at).

Trotz ihrer napfschneckenartigen Form gehört die Flussnapfschnecke (Ancylus fluviatilis), wie oben bereits erwähnt, zur Familie der Tellerschnecken, ebenso, wie die Posthornschnecke. Eine napfschneckenähnliche Gehäuseform hat sich in mehreren Schneckenfamilien konvergent entwickelt. Eine andere napfschneckenähnliche Schnecke ist z.B. die Teichnapfschnecke (Acroloxus lacustris), die zu einer anderen Überfamilie gehört.

Die Flussnapfschnecke lebt ungeachtet ihres Namens nicht nur in fließenden Gewässern, aber in Gewässern mit hohem Sauerstoffreichtum, so z.B. auch in der Brandungszone von Seen und in den schnell fließenden Bereichen von Flüssen, vom Quellbach bis zum Strombereich.

Die Flussnapfschnecke ist auch als Leitfossil zu Bedeutung gelangt: Vor 9500 bis 8000 Jahren befand sich dort, wo heute die Ostsee liegt, ein Binnensee. Durch das Abschmelzen der Gletscher hatten sich die Landmassen gehoben (Isostasie) und eine Landbrücke zwischen Dänemark und Schweden hatte das östliche Meer isoliert. Durch Niederschläge und Süßwassereintrag süßte das Meer aus, es entstand ein Binnensee, der nach dem wichtigsten Leitfossil, Ancylus fluviatilis, Ancylus-See genannt wird ( Siehe Karte).

Die Entwicklungsstufen der Ostsee.

Mehr über Süßwasser-Napfschnecken.

Spitze Blasenschnecke (Physella acuta Draparnaud 1805)


Spitze Blasenschnecke (Physella acuta).
Bild: © Alexander Mrkvicka, Wien (mrkvicka.at).
 

Blasenschnecken (Physidae) werden mit den Tellerschnecken (Planorbidae) zur Überfamilie der Fadenfühlerschnecken (Planorbacea) gestellt. Die namengebende Gemeinsamkeit fällt ins Auge: Obwohl Blasenschnecken und Tellerschnecken ebenso wie Schlammschnecken zwei nicht einziehbare Fühler oder Tentakel besitzen, sind diese im Gegensatz zu den lappen- oder ohrförmigen Fühlern der Schlammschnecken fadenförmig.

Die Schale der spitzen Blasenschnecke wird nur etwa 10 mm hoch - der Größenunterschied zur im Vergleich dazu riesenhaften Schlammschnecke ist im Bild oben deutlich zu erkennen. Der letzte Umgang der Schale ist stark aufgeblasen, so dass er das übrige Schalengewinde stark überwiegt. Auch die Blasenschnecke besitzt keinen Schalendeckel.

Die spitze Schlammschnecke bewohnt bevorzugt warme stehende Gewässer und ist aus Südwesteuropa oder aus Amerika kommend weit verschleppt worden.

Mehr über Blasenschnecken (Physidae).

Zusammenfassung

Bei den vier hier beschriebenen Schneckenarten kann man, verglichen mit den kiemenatmenden Süßwasserschnecken, deutliche und charakteristische Unterschiede  erkennen:

  Bernsteinschnecke (Succinea)
Bernsteinschnecke (Succinea putris).
Bild: Robert Nordsieck.

Bedenkt man, dass besonders kleinere Binnengewässer jahreszeitabhängig wechselhaften Wasserständen unterworfen sind und sogar austrocknen können, liegt auch der Vorteil für süßwasserlebende Lungenschnecken auf der Hand: Auch sie können Luftsauerstoff atmen und so auch das Trockenfallen ihres Gewässers überleben oder kurze Strecken an Land zurücklegen, um ein anderes Gewässer zu besiedeln.

Der Besiedlung neuer Binnengewässer kommt außerdem zugute, dass viele wasserlebende Lungenschnecken sich selbst befruchten können und so für eine Vermehrung ihrer Population sorgen können (siehe z.B. Schlammschnecken).

Ebenso, wie die kiemenatmenden Schnecken besitzen jedoch auch die lungenatmenden Wasserschnecken nur zwei Fühler, an deren Basis sich die Augen befinden. Man bezeichnet sie daher systematisch als Basommatophora (Grundäugler oder Wasserlungenschnecken), im Gegensatz zu den Stylommatophora (Stieläugler oder Landlungenschnecken). Zusammen bilden diese beiden Schneckengruppen die Unterklasse der Lungenschnecken (Pulmonata), denn von allen anderen Schneckenarten unterscheiden sie sich gemeinsam  dadurch, dass sie mit einer Lunge atmen. 

Die auf dieser revolutionären Atemmethode folgende Fähigkeit, sich an viel vielfältigere Lebensräume anzupassen, als kiemenatmende Schnecken, hat dazu geführt, dass die Lungenschnecken bei weitem die größte Artenzahl aller Schnecken, und im Endeffekt auch aller Weichtiere, aufzuweisen haben.

Zu den Stylommatophora gehören zum Beispiel die Bernsteinschnecken (Succineidae), eine Schneckenfamilie, die mit dem Wasser so eng verbunden ist, dass man landläufig angenommen hat, dass sie amphibisch lebt. Bernsteinschnecken leben jedoch nur oftmals auf Pflanzen, die im, oder nahe am Wasser wachsen. Dort weiden sie Algen ab. Ähnlich, wie die Schlammschnecken können auch die Bernsteinschnecken sich in ungünstigen Lebenszeiten selbst befruchten und so die Population verstärken.

Weiterführende Informationen