Landdeckelschnecken (Pomatiidae)

 
Schöne Landdeckelschnecke (Pomatias ele-
gans
) mit Rüssel und Operculum.
Bild: © Stefan Haller (schneckenfoto.ch).

Systematik

Klasse: Gastropoda
Unterklasse: Orthogastropoda
Überordnung: Caenogastropoda
Ordnung: Neotaenioglossa
Überfamilie: Littorinoidea
Familie: Pomatiidae Newton 1891

Quelle: Mollbase auf http://www.mollbase.de/list/.

Landdeckelschnecken unterscheiden sich vom größten Teil der anderen einheimischen Landschnecken deutlich. Äußerlich erinnern sie viel mehr an die Flussdeckelschnecken (Viviparidae) aus dem Süßwasser, mit denen sie aber nicht verwandt sind, und an meereslebende Schneckenarten.

Sie besitzen einen Schalendeckel (Operculum), ihr Kopf ist zu einem deutlichen Rüssel (Proboscis) verlängert und ihre Augen befinden sich an der Basis der Fühler. Zudem sind Landdeckelschnecken, im Gegensatz zum größten Teil der übrigen Landschnecken, getrennt geschlechtlich, es gibt also Männchen und Weibchen.


Schöne Landdeckelschnecke (Pomatias elegans) mit der typisch
"zweifüßigen" Fortbewegung (beachte die Rolle der beiden Fuß-
hälften. Film: Martina Eleveld (YouTube).
 

Besonders hervor zu heben ist auch die Fortbewegung der Landdeckelschnecken, die sich deutlich von der einer Lungenschnecke unterscheidet, wie es beispielsweise die Weinbergschnecke vorführt. Im Gegensatz zu einer Lungenschnecke, die ihre ganze Fußsohle in wellenartige Bewegungen versetzt und sich so vorwärts bewegt, bewegen Landdeckelschnecken sich sozusagen "zweifüßig": Sie setzen abwechselnd die linke und die rechte Längshälfte des Fußes nach vorne. Auf englisch heißen die Landdeckelschnecken daher auch "shuffler snails", die Schlurf-Schnecken.

Und tatsächlich, ein Blick auf die systematische Einordnung offenbart, dass Landdeckelschnecken näher mit den meereslebenden Strandschnecken (Littorinidae) verwandt sind, als mit anderen Landschnecken.

 
Kopf von Pomatias elegans. 1: Augen; 2: Füh-
ler; 3: Rüssel; 4: Atemloch; R, L: Rechte und
linke Fußhälfte. Bild: Martina Eleveld.

Betrachtet man die unterschiedlichen Landschneckengruppen, so gibt es viele Anzeichen dafür, dass der Übergang an Land im Verlauf der Evolution der Schnecken mehrfach, unabhängig voneinander, bei unterschiedlichen Gruppen der Schnecken statt gefunden hat. Auch heute noch leben Landdeckelschnecken unter anderem noch an küstennahen Standorten, wo sie dem Spritzwasser des Meeres unmittelbar ausgesetzt sind. Nur in einer geringen Entfernung leben auf der Meeresseite die marinen Verwandten der Landdeckelschnecken, die Strandschnecken. Natürlich  sind die heutigen Landdeckelschnecken nicht die ursprünglichen Gruppen, die den Übergang an Land gemeistert haben, aber der Blick auf die küstenlebenden Landdeckelschnecken lässt zumindest einen ungefähren Eindruck davon zu, wie sich dieser Übergang abgespielt haben könnte.

In der Systematik scheint Unklarheit zu bestehen, ob der Name der Familie Pomatiidae oder Pomatiasidae lauten muss. Von der Deklination ist Pomatiasidae eigentlich unmöglich, den Regeln der Nomenklatur folgend müsste die Familie, nach der Meinung des Autors eigentlich Pomatiatidae heißen: Der lateinische Genitiv von Pomatias ist Pomatiatis, daher Pomatiatidae, vgl. Cochlostomatidae. Laut Mollbase ist jedoch die Bezeichnung Pomatiidae zu benutzen.

Die Landdeckelschnecken sind keineswegs die einzige Gruppe landlebender Deckelschnecken. Unter diesen finden sich mehrere Gruppen, die nicht unbedingt untereinander näher verwandt sind, unter diesen die Walddeckelschnecken (Cochlostomatidae), die Mulmnadeln (Aciculidae). Landdeckelschnecken kommen in mehreren Arten in Westeuropa und im Mittelmeerraum vor. Sie sind meist Arten gemäßigter bis warmer Standorte.


Landdeckelschnecke (Tudorella sulcata) aus Südfrankreich (links) und Sizilien (rechts).
Bilder: Daniel Pavon (links, Quelle) und Francisco Welter-Schultes (rechts, Quelle).
 

Neben der Gattung Pomatias (Pomatias rivularis in Südosteuropa und der Türkei, Pomatias glaucus in der Türkei und Zypern, Pomatias olivieri in Israel und dem Libanon) kommt in Westeuropa, Südwesteuropa und Nordafrika beispielsweise die Gattung Tudorella vor.

An der Landdeckelschnecke Tudorella sulcata, die neben Südost-Frankreich, Südspanien und Südportugal auch auf Korsika, Sardinien, Sizilien, Malta, sowie in Ostalgerien vorkommt, hat man mit Hilfe genetischer Marker herausgefunden, dass diese Schneckenart in der Jungsteinzeit vor etwa 8000 Jahren durch neolithische Händler im westlichen Mittelmeerraum verbreitet wurde.

Zuvor hatte man angenommen, dass die Art durch die Kontinentaldrift verschleppt worden sei, eine Annahme, die sich nicht mit den genetischen Erkenntnissen deckt.

Scinexx: Kontinentaldrift als Schneckentaxi (10.12.09)
Scinexx: Landschnecken auf Seefahrt (30.06.11).
Francisco Welter-Schultes: Tudorella sulcata species homepage.

 
Tropidophora ligata (?), ein Verwandter der Landdeckelschne-
cken aus Ostafrika und Madagaskar.  Bild: Martina Eleveld.

Der größte Teil der Landdeckelschnecken ist aber nicht im Mittelmeerraum zu finden, sondern in tropischen und warm gemäßigten Regionen der Alten Welt. Besonders die Gattung Tropidophora kommt an der Ostküste Afrikas und auf Madagaskar mit einem großen Artenreichtum vor. Manchmal werden diese oftmals recht spektakulär aussehenden tropischen Deckelschnecken auch im Terrarium gehalten.

Martina Eleveld: Film von Tropidophora cf. ligata auf YouTube.

Herbert, D.; Kilburn, D. (2004): Field guide to the land snails of eastern South Africa; p. 93 ff.

Stellvertretend soll hier die Schöne Landdeckelschnecke, Pomatias elegans, geschildert werden, die gleichzeitig in Mitteleuropa die häufigste Art ist.

Schöne Landdeckelschnecke - Pomatias elegans (O. F. Müller 1774).


Schöne Landdeckelschnecke (Pomatias elegans).
Bild: © Alexander Mrkvicka, Wien (mrkvicka.at).
 
Schöne Landdeckelschnecke (Pomatias elegans).
Bild: © Alexander Mrkvicka, Wien (mrkvicka.at).
 

Beschreibung: Die Schöne Landdeckelschnecke hat ein mäßig schlankes Gehäuse von einer rötlichen Farbe mit einem weißlichen Flammenmuster. Die Oberfläche ist von deutlichen windungsparallel verlaufenden Rippen bedeckt. Durch quer verlaufende, kreuzende Streifen entsteht ein charakteristisches Netzmuster. Besonders kennzeichnend sind die Gehäusewindungen, die einen fast kreisrunden Querschnitt haben. Die Gehäusespitze (Apex) ist spitz. Männchen und Weibchen unterscheiden sich durch Gehäusegröße und Windungsform - die Männchen sind allgemein kleiner als die Weibchen, außerdem sind die Gehäusewindungen der Weibchen bauchiger mit einem größeren Querschnitt.

Der Weichkörper der Schnecke ist relativ groß und bräunlich grau gefärbt. Die Fühler, an deren Basis sich die Augen befinden, sind lang, fast zylindrisch und quer gestreift.

Maße: H: 13 - 18 mm; B: 9 - 12 mm; U: 4 - 5. Information: Abkürzungen

Lebensraum und Verbreitung: Die Schöne Landdeckelschnecke ist ein Bewohner offener Wald- und Buschlandschaften, Geröllfeldern und küstennaher Graslandschaften. Sie bevorzugt lockeren, kalkhaltigen Boden, in dem sie sich zur Trockenruhe und zur Überwinterung mindestens 10 cm tief eingraben kann. Pomatias elegans frisst totes Laub und vermoderndes Holz. Trockene Blätter werden feuchten vorgezogen. Die Schnecken können, wahrscheinlich mit Hilfe symbiotischer Bakterien, auch Zellulose verdauen.

 
Schöne Landdeckelschnecken (Pomatias elegans).
Bild: © Alexander Mrkvicka, Wien (mrkvicka.at).

Das Verbreitungsgebiet der Schönen Landdeckelschnecke erstreckt sich von Westeuropa über Südeuropa und den Mittelmeerraum bis in die Nordwest-Türkei. Während das Verbreitungsgebiet im Norden bis nach England und Dänemark, im Nordosten bis nach Mitteldeutschland reicht, kommt die Schöne Landdeckelschnecke auch in Nordafrika und eingeschleppt, ebenfalls auf der Baleareninsel Menorca vor. In Deutschland kommt die Schöne Landdeckelschnecke nur in wärmeren Gebieten, wie z.B. am Kaiserstuhl, bei Heidelberg, Bonn und Jena, sowie in den Tälern von Mosel, Ahr, Weser und Unstrut vor.


Schöne Landdeckelschnecke (Pomatias elegans) in der Spritz-
wasserzone im Supralitoral der Bretagne.
Bild: Florence Gully, Gastéropodes 2.
 

Nach Norden wird die Verbreitung der Schönen Landdeckelschnecke durch die 2°C-Jänner-Isotherme begrenzt, in der Höhe liegt die Grenze in Spanien bei über 1300 m NN, in der Schweiz bei 1000 m NN und in Bulgarien bei 900 m NN. Während die Schnecken bei Temperaturen von 8°C noch herum kriechen, liegt die Aufwachtemperatur höher. Überwinternde Schnecken können Frostgrade von bis zu -6°C überleben. Auch die Trockenheitsresistenz der Schönen Landdeckelschnecke ist bemerkenswert: Die Tiere können leicht mehrere Monate Trockenheit überstehen, bleiben während dieser Zeit aber inaktiv, etwa 30 Minuten nach dem ersten Wasserkontakt kriechen Schnecken in Trockenruhe wieder herum. Obwohl die Schnecken eine hohe Luftfeuchtigkeit benötigen, um aus der Trockenruhe aufzuwachen, und um aktiv zu sein, können die Tiere höchstens 4 Wochen auf andauernd nassem Boden überleben.

Die Paarung der Schönen Landdeckelschnecke findet zwischen Frühjahr und Herbst statt. Erst im Herbst allerdings werden 50 bis 60 Eier einzeln im Boden abgelegt. Jedes Ei ist von einer Schleimschicht bedeckt, daran haftende Erdkrumen tragen zur Tarnung bei. In Mitteleuropa überwintern die Gelege, nach drei Monaten schlüpfen die Jungtiere mit 2 Windungen und 2 mm Gehäusehöhe. Schöne Landdeckelschnecken können bis zu 4 oder 5 Jahre alt werden.

Bedrohungssituation: In Mitteleuropa ist die Schöne Landdeckelschnecke vor allem durch intensive Land- und Weinwirtschaft bedroht, einhergehend mit der Zerstörung der Lebensräume und Beeinträchtigung durch Dünge- und Pflanzenschutzmittel. Im mittleren und östlichen England ist die Art stark zurück gegangen. Während die Schöne Landdeckelschnecke in der Schweiz und in Irland als stark gefährdet (endangered) eingestuft ist, gilt sie in Deutschland als gefährdet (Vgl. Gefährdungskategorien gemäß Roter Liste).

Links

Francisco Welter-Schultes: Pomatias elegans species homepage.
Molluscs of Central Europe: Pomatias elegans auf mollbase.org.

Artbeschreibung Schöne Landdeckelschnecke (Pomatias elegans) im Forum schnecken-zone.de.
Diskussion über Landdeckelschnecken (Pomatiasidae) im Forum "Achatschnecken vom Wienerwald".
Fabrizio Vicente: Pomatias e Littorina: l'Evoluzione raccontata da due chiocciole auf dem Forum Mondo Gasteropodi.

Aydin Örstan: Land Snails of Turkey: Pomatias elegans.

Literatur

Fechter, R.; Falkner, G. (1990): "Weichtiere"; p. 122, 123 (1-2,4-5).
Lais, R. et al.: "Die Mollusken", in: "Der Kaiserstuhl - Eine Naturgeschichte des Vulkangebirges am Oberrhein", Bad. Landesverband f. Naturkunde u. Naturschutz, 1933, S. 366 ff.


Mit Bildern von Stefan Haller:
http://www.schneckenfoto.ch.