This page in English!  

Riesenhafte Kalmare

Riesenkalmar, Kolosskalmar und Humboldtkalmar

 

Inhalt

Riesenkalmar (Architeuthis dux)
Riesenkalmar (Architeuthis dux), angeschwemmt vor La Coruña, Spa-
nien, 2016. Bild: Javier Ondicol (Parque de la Vida).
     
Teil 1 Teil 2 Teil 3 Teil 4
     

 

Einleitung

Zu den Kopffüßern gehören heute die größten aller Wirbellosen. Obwohl riesige Kalmare historisch schon lange bekannt waren, da der Mageninhalt erlegter Pottwale (Physeter macrocephalus) oftmals eine große Zahl ihrer Schnäbel enthielt (vgl. Ernährung), und überdies die Spuren der Krallen in ihren Saugnäpfen (vgl. Fangarme) als Narben in der Haut der Pottwale zu erkennen war, blieben die Riesenkalmare bis etwa Mitte des 19. Jahrhunderts eine Legende, fast schon ein Mythos, unter den Walfängern. Anders als die Pottwale, die zum Atmen auftauchen müssen, verlassen die Riesenkalmare niemals freiwillig ihre heimatliche Tiefsee. Jedoch mit dem Aufkommen der modernen Tiefseefischerei im Rahmen der industriellen Revolution wurden seither auch öfter Riesenkalmare mit dem Schleppnetz gefangen oder harpuniert.

Extinct Zoo: When Krakens Were Real. ( YouTube Video).

Riesenkalmar

Seitenanfang.

 

Die "Königsechse" unter den Kalmaren?

Der wissenschaftliche Name des Riesenkalmars ist aus mehreren griechischen und lateinischen Teilen zusammen gesetzt: ἀρχός (archós): Herrscher, τευθίς (teuthís): Kalmar, dux: Anführer. Damit wollte Steenstrup 1857 ausdrücken, dass es sich um den größten und beeindruckensten Kopffüßer der Welt handle.

Wie wir heute wissen, ist der Riesenkalmar jedoch nicht der größte aller Kopffüßer, ein Titel, der dem Kolosskalmar (s.u.) gebührt. Das war Steenstrup aber nicht bekannt.

Ebenso ist allerdings auch der Basilosaurus (Königsechse auf Griechisch) weder ein König, noch eine Echse.

 
Riesenkalmar (Architeuthis dux): KI-Reproduktion. Bild: Robert Nordsieck.
Bild vergrößern!
Nachdem 1854 ein Riesenkalmar an der Küste Dänemarks angespült worden war, beschrieb Japetus Steenstrup 1857 erstmals Architeuthis dux. Bis dahin waren Sichtungen des Riesenkalmars ins Reich der Sagen und Legenden verbannt worden. Es dauerte allerdings bis in die 70er Jahre des 19. Jahrhunderts, bis kanadische Fischer einen vollständigen Riesenkalmar sicherstellen konnten, der zunächst fotografiert und später der Wissenschaft zugänglich gemacht wurde.

Erst über hundert Jahre später, 2004, gelangen erstmals Filmaufnahmen (Kubodera et al., 2005) von lebenden Riesenkalmaren, nachdem die gefangenen Exemplare bisher entweder an Verletzungen während des Fangs oder durch den ungewohnten Wasserdruck verendet waren. Anfänglich wurden zahlreiche unterschiedliche Arten der Gattung Architeuthis beschrieben. Eine 2013 veröffentlichte DNA-Untersuchung der verschiedenen Arten ergab jedoch, dass diese nach heutigem systematischen Verständnis alle als Synonyme einer einzigen Art, Architeuthis dux, anzusehen sind.


 
MolluscaBase: Architeuthis dux Steenstrup, 1857.

 
Kubodera, T.; Mori, K. (2005): First-ever observations of a live giant squid in the wild. In: Proc. Biol. Sci. 272, S. 2583–2586. (Abstract).

 
Winkelmann, I. et al. (2013): Mitochondrial genome diversity and population structure of the giant squid Architeuthis: genetics sheds new light on one of the most enigmatic marine species. Proceedings of the Royal Society 280 (1759). (Abstract).


Saugnäpfe eines Riesenkalmars mit zahnbesetzten Rändern.
Bild: Marian Oliver (iNaturalist).
 
Obwohl es sich deutlich erkennbar um einen Kalmar handelt - Das Tier besitzt zehn Arme, davon zwei langen Fangarme, sowie Flossen am Ende des Mantels - wurde der Riesenkalmar historisch auch oft als Riesenkrake bezeichnet, eine Bezeichnung, die unter den rezenten Kopffüßern jedoch nur dem Pazifischen Riesenkraken (Enteroctopus dofleini, s.u.) gebührt.

Heute geht man davon aus, dass Riesenkalmare eine Mantellänge von über 2 m erreichen können, bei einer zusätzlichen Länge der zwei langen Fangarme bis über 10 m. Im Allgemeinen werden deutlich kleinere Exemplare gefunden. Nachdem man historisch davon ausging, man könne die Größe eines Riesenkalmars anhand der Saugnapfnarben an Pottwalen (Physeter macrocephalus) berechnen, weiß man inzwischen, dass diese Narben sich mit dem Wachstum der Haut des Pottwals dehnen und daher nur sehr bedingt einen Rückschluss auf den Kalmar zulassen, der sie verursacht hat. Die Saugnäpfe von Riesenkalmaren erreichen tatsächlich einen Durchmesser von etwas über 5 cm. Zusätzlich dazu sind die Saugnäpfe des Riesenkalmars mit einem Kranz kleiner Zähne bewehrt, die einen besseren Halt auf der Haut der Beute ermöglicht.

Riesenkalmare kommen in allen Meeren vor, scheinen aber gemäßigte Wassertemperaturen zu bevorzugen. Die meisten Funde oder Sichtungen von Riesenkalmaren gab es in Neufundland, Spanien, Portugal, Südafrika, Namibia, Japan, Neuseeland und Australien. Obwohl der offene Ozean wohl der bevorzugte Lebensraum von Riesenkalmaren ist, scheinen nahe gelegene Flachmeere, wie die Tasmanische See, die Karibik und der Golf von Mexiko ebenfalls geeignete Lebensräume zu sein. Es gibt zwar einige Sichtungen von Riesenkalmaren im Mittelmeer, jedoch scheinen die Tiere dort nicht heimisch zu sein. Riesenkalmare leben vermutlich in einer Wassertiefe von je nach Angaben zwischen 300 und 500 bis 1000 m Tiefe. Ihr weicher Körper ist dabei an die Tiefsee angepasst, weswegen auch die meisten gefangenen Exemplare beim Erreichen der Wasseroberfläche verenden.

Am bemerkenswertesten sind die Augen des Riesenkalmars, die bis zu 25 cm Durchmesser haben können und damit zu den größten Augen im bekannten Tierreich zählen, nur noch übertroffen von denen des Kolosskalmars (s.u.). Dies ermöglicht dem Riesenkalmar ein besseres Sehen in der Dunkelheit der Tiefsee und einen entscheidenden Vorteil beim Aufspüren von Beute und der Vermeidung von Feinden (s.u.).

Farbe spielt in der Tiefsee nur eine geringe Rolle, da mit zunehmender Tiefe fast ausschließlich kurzwelliges blaues Licht vorhanden ist. Rote Tiere erscheinen dort daher nahezu schwarz und sind überraschend gut getarnt. Viele tiefseelebende Kopffüßer besitzen deshalb eine rötliche Färbung. Gleichzeitig sind die Augen vieler Tiefsee-Kopffüßer besonders stark an das Erkennen schwacher Lichtquellen (z.B. Biolumineszenz) angepasst, während Farbsehen in der Dunkelheit der Tiefsee vermutlich nur eine untergeordnete Rolle spielt.

Nilsson, D.; Warrant, E.; Johnsen, S.; Hanlon, R.; Shashar, N. (2012): A Unique Advantage for Giant Eyes in Giant Squid. Current Biology 22, S. 683 - 688.
Auralis: Why Deep Sea Camouflage Gets Weirder The Deeper You Go. ( YouTube Video).


Schnabel eines Riesenkalmars. Bild: Marian Oliver (iNaturalist).
 
Riesenkalmare leben, wie wir inzwischen wissen, räuberisch (wie fast alle Kopffüßer, vgl. Ernährung): Zu ihrer Nahrung gehören vor allem Fische und kleinere Kopffüßer, darunter durchaus auch kleinere Artgenossen. Riesenkalmare sind vermutlich Lauerjäger, die sich langsam driftend fortbewegen. Darin ähneln sie eher den Sepien als den schnellen Kalmaren in der Ordnung Myopsida. Im Gegensatz zu diesen werden sie jedoch der Ordnung Oegopsida zugeordnet, zu der allerdings auch die Familie der sehr schnellen Pfeilkalmare (Ommastrephidae) gehört ( vgl. Systematik der Kopffüßer!). Die schnelle Fortbewegung des Riesenkalmars auf kurze Strecken findet zum einen durch den Rückstoßantrieb statt (s.o.), eine langsame Fortbewegung vor allem aber auch mit Hilfe der gut entwickelten Flossen am Mantel.

Nachdem Kalmare, im Gegensatz zum Nautilus, bis auf eine stark reduzierte innere Schale, den Gladius, keine Schale mehr besitzen, die sie zur Kontrolle ihres Auftriebs nutzen könnten, verwenden sie stattdessen eine konzentrierte Ammoniumchloridlösung im Körpergewebe: Diese ist weniger dicht als die Salzlösung des Meerwassers und verleiht dem Riesenkalmar auf diese Weise Auftrieb. Ammoniumchlorid, auch bekannt als Salmiak, ist andererseits auch der Grund dafür, dass Riesenkalmare nicht zur menschlichen Diät gehören.

Two Oceans Aquarium, Südafrika (2022): Everything you need to know about giant squids.

 
Pottwal (Physeter macrocephalus) taucht mit ei-
nem Riesenkalmar auf. Quelle: YouTube Shorts.
Wie alle Kopffüßer sind Riesenkalmare getrennt geschlechtlich und verwenden vermutlich spezialisierte Fangarme, um die Spermatophoren zu übertragen. Das Vorhandensein eines spezialisierten Hectocotylus ist dabei strittig. Es wird vermutet, dass das Männchen die Spermatophoren eher in der Haut eines Arms des Weibchens einlagert. Die weiblichen Riesenkalmare werden deutlich größer als die Männchen.

Während junge Riesenkalmare manchmal sogar von Seevögeln gefangen werden können, wenn sie sich an die Wasseroberfläche verirren, sind aber die wichtigsten Fressfeinde des Riesenkalmars vor allem Haie und unterschiedliche Arten von Walen. Vermutlich der Einzige, der einem erwachsenen Riesenkalmar in seiner natürlichen Umgebung gewachsen ist, dürfte allerdings ein erwachsener Pottwal sein. Dabei kommt es zu einem bemerkenswerten natürlichen "Wettrüsten": Während der Riesenkalmar seine hochentwickelten und sehr großen Augen, möglicherweise unterstützt von Biolumineszenz, einsetzen kann, um den Pottwal rechtzeitig zu erkennen, hat das Sonar des Pottwals, der in der Tiefsee nur eingeschränkt sehen kann, eine größere Reichweite. Schlussendlich kommt es dann darauf an, ob der Riesenkalmar lange genug verhindern kann, dass er gefressen wird, bevor der Pottwal auftauchen muss oder ertrinkt.

Die sehr große Zahl an Kalmarschnäbeln in den Mägen erlegter Pottwale legt ein deutliches Zeugnis darüber ab, dass die Chancen des Riesenkalmars, wenn er einmal entdeckt ist, relativ schlecht sind.

Angeschwemmter Riesenkalmar in Scarborough (16.08.2022, North Cape Province, Südafrika) auf iNaturalist.
Mainecoon6122: Epic Moment: Sperm Whale Surfaces with Giant Squid!.( YouTube Short).

ARD Alpha: Den Riesenkalmar gibt es in der Tiefsee wirklich. (Mit Bilderserie).
Sarah Keartes (Earth Touch News Network, 2016): Washed-up giant squid shows signs of fierce deep-sea fight.
Ellis, R.: "Riesenkraken der Tiefsee". Heel Verlag, Königswinter, 2000. (Link) (Anmerkung: Der deutsche Titel ist irreführend!).
OctoLab: Meet The Squid That Refuses to Be Seen by Humans. ( YouTube Video).
Science.orf.at: Augen groß wie Basketbälle.
Wild Life Documentary: The Greatest Hunt You've Never Seen: Sperm Whale vs. Giant Squid. ( YouTube Video).
Steve O'Shea und Kat Bolstad: Giant Squid and Colossal Squid Fact Sheet. (The Octopus News Magazine Online 2008/2019).

Kolosskalmar

Seitenanfang.

Der Riesenkalmar war seit seiner Entdeckung Mitte des 19. Jahrhunderts nach Jahrhunderten von Mythen und Seemannsgarn relativ gut bekannt. In regelmäßigen Abständen wurden Exemplare in vielen Teilen der Welt angeschwemmt oder von Fischern mit dem Netz gefangen (s.o.). In den 1920er Jahren stellte sich jedoch heraus, dass es eine weitere sehr große Art von Kalmaren gibt, die der Mensch sehr viel seltener zu Gesicht bekommt. Dies sollte sich in der kommenden Zeit durch die zunehmende Tiefseefischerei in den Gewässern der Antarktis jedoch ändern.

1925 waren im Magen eines erlegten Pottwals mehrere Teile von Fangarmen eines Kalmars entdeckt worden. Robson beschreibt unter anderem die bemerkenswerten, drehbaren Haken auf den Fangkeulen der Tentakel und der Haken auf den kürzeren Armen. Aufgrund dieser besonderen Eigenschaften entschloss sich G.C. Robson, diesen Kalmar, obwohl dieser nur in Fragmenten erhalten war, als eine neue Art, Mesonychoteuthis hamiltoni, zu beschreiben.

Robson, G.C. (1925). "On Mesonychoteuthis, a new genus of oegopsid, Cephalopoda". Annals and Magazine of Natural History. 9 (16): 272–277. (Auszug).
MolluscaBase: Mesonychoteuthis hamiltoni G. C. Robson, 1925.

Seitdem sind nur wenige Kolosskalmare gefunden worden: 1981 fing ein sowjetischer Trawler im Rossmeer einen nicht ausgewachsenen weiblichen Kolosskalmar mit einer Größe von 4 m. Erst 2003 wurde ein weiteres Exemplar, ebenfalls ein nicht ausgewachsenes Weibchen mit einer Gesamtlänge von 6 m und einer Mantellänge von 2,5 m in der Antarktis gefangen. Noch ein Weibchen mit einer Gesamtlänge von 6 m und einer Mantellänge von 2,5 m, ebenfalls nicht ausgewachsen, wurde 2003 nahe der Wasseroberfläche in der Antarktis gefunden. Das erste lebende Exemplar wurde 2005 von Fischern mit einer Langleine nahe der britischen Insel Südgeorgien gefangen, wo es nach einem Köderfisch gegriffen hatte. Schätzungen zufolge betrug seine Mantellänge 3,5 m, seine Tentakellänge 2,3 m und das Gewicht wurde auf 150 bis 200 kg geschätzt, jedoch konnten nur Teile der Fangarme sichergestellt werden.


Kolosskalmar (Mesonychoteuthis hamiltoni, oben) und Riesenkalmar (Architeuthis dux, unten) im Vergleich. Bild: Harry Wilson.
Oben: Belegte Exemplare (vgl. O'Shae und Bolstad: Giant Squid and Colossal Squid Fact Sheet). Unten: Vermutete Größen, berechnet nach
Schnabellänge und unvollständigen Exemplaren.
 
Erst 2007 konnte ein weitgehend vollständiges Exemplar von einem neuseeländischen Trawler, ebenfalls im Rossmeer in der Antarktis, gefangen werden und nach Neuseeland gebracht werden, wo es im Nationalmuseum untersucht wurde. Als er im Museum vermessen wurde, ergab sich ein Gewicht von 495 kg bei einer Mantellänge von 2,5 m und einer Gesamtlänge von nur 4,2 m, allerdings wurde davon ausgegangen, dass die Fangarme nach dem Tod des Tieres geschrumpft waren. Man geht davon aus, dass das Tier zu Lebzeiten eine Gesamtlänge von ca. 10 m erreicht hatte.

BBC News Asia-Pacific (22.02.2007): "NZ fishermen land colossal squid".
Spiegel Wissenschaft (22.02.2007): "Fischer fangen lebenden Tiefsee-Koloss". (Archiv).
Alison Ballance (Radio New Zealand, 16.09.2014): Colossal squid to give up its secrets.

Dieser Fund hat zu zahlreichen Erkenntnissen geführt:

 

Giganten der Tiefsee - Wie kommt es dazu?

Dass Tiere, die in der Tiefsee leben, oftmals größer und robuster gebaut sind, als ihre Verwandten aus höheren Schichten des Meeres, hat mehrere Gründe:


Kolosskalmar in der Tiefsee. KI-Reproduktion: Robert Nordsieck.

1. Kälte: Die niedrigen Temperaturen der Tiefsee führen bei vielen Organismen zu einem langsameren Stoffwechsel und einer verzögerten geschlechtlichen Reife. Dadurch wachsen viele Tiere über längere Zeiträume hinweg und erreichen größere Körpergrößen.

2. Knappes Nahrungsangebot: Größere Tiere besitzen größere Energiereserven und können längere Perioden mit geringem Nahrungsangebot überstehen. Außerdem sind sie in der Lage, auch große oder widerstandsfähige Beute zu überwältigen.

3. Geringerer Beutedruck: Tiere, die einer geringeren Bedrohung durch Fressfeinde ausgesetzt sind, haben eine größere Chance, älter und somit größer zu werden.

4. Höhere Sauerstoffsättigung: Kaltes Tiefseewasser kann mehr Sauerstoff lösen als warmes Wasser. Dies erleichtert bei manchen Tieren die Versorgung großer Körper mit Sauerstoff.

Dieser auch als Abyssal-Gigantismus bezeichnete Effekt tritt bei zahlreichen Tiergruppen auf, darunter Krebstieren, Würmern, Quallen und auch Kopffüßern. Allerdings sind die Ursachen bis heute nicht vollständig geklärt, da hier vermutlich mehrere Faktoren gleichzeitig zusammenwirken.

Quelle: Wikipedia (Englisch): Deep Sea Gigantism. (Abgerufen: 13.05.2026).

Kolosskalmare sind deutlich robuster gebaut als Riesenkalmare, was erklärt, warum sie bei einer ähnlichen Gesamtlänge deutlich schwerer werden als diese: Ein Phänomen, das man als Tiefsee-Gigantismus oder Abyssal-Gigantismus bezeichnet (vgl. Kasten rechts).

Kolosskalmare nutzen ebenso wie die Riesenkalmare eine Ammoniakverbindung in ihrem Muskelgewebe, um leichter im Wasser schweben zu können. Die Flossen am Ende des Mantels sind, verglichen mit denen des Riesenkalmars, außerdem relativ deutlich stärker und breiter ausgebildet, was vermutlich darauf schließen lässt, dass der Kolosskalmar sich häufiger langsam schwebend fortbewegt als die agileren Riesenkalmare.

Die Augen des Kolosskalmars sind vermutlich die größten bekannten Augen im Tierreich und besitzen einen Durchmesser von mindestens 27 cm mit einem Pupillendurchmesser von 8 - 9 cm. Es wird angenommen, dass die Augen beim lebenden Tier eher 30 - 40 cm groß sein können. Das Sehzentrum des Kolosskalmars ist besonders stark entwickelt. Zusätzlich besitzt der Kolosskalmar Licht erzeugende Organe (Photophoren). Diese bilden jeweils ein senkrechtes Band hinter den Augäpfeln. Das erzeugte Licht dient vermutlich dazu, die unmittelbare Umgebung und mögliche Beute in der Dunkelheit der antarktischen Tiefsee sichtbar zu machen. Die Biolumineszenz entsteht durch chemische Prozesse, möglicherweise unter Beteiligung symbiotischer Bakterien.

Der Schnabel des Exemplars wurde mit 38 mm (Länge des Unterschnabels) vermessen. Nachdem in den Mägen erlegter Pottwale jedoch Kalmar-Schnäbel mit einer erheblich größeren Länge gefunden wurden, geht man davon aus, dass Kolosskalmare deutlich größer werden können.

Die Fangarme des Kolosskalmars sind, wie beim Riesenkalmar mit Zahnkränzen an den Saugnäpfen bewehrt. Zusätzlich aber verfügen Kolosskalmare auch noch über Chitinhaken in den Armen und in den keulenähnlichen Enden (Fangkeulen) der langen Tentakel. Die Armhaken sind feststehend: Jeder Haken sitzt in einer Muskelscheide in einer Doppelreihe entlang der Arme. Die Haken sind dreispitzig: Sie besitzen eine Hauptspitze und zwei kleinere, weiter unten ansetzende Spitzen. Im Gegensatz dazu sind die Haken in den Fangkeulen kleiner und besitzen nur eine Spitze. Sie sind um 360° drehbar, wobei unklar ist, ob der Kalmar die Haken willentlich drehen kann. Auch diese Haken sind in einer Doppelreihe entlang der Mittellinie der Fangkeulen angeordnet. Auf der Außenseite jeder Reihe drehbarer Haken verläuft außerdem eine Reihe kleiner Saugnäpfe. Insgesamt besitzt der Kalmar etwa 20- 25 Haken auf jeder Fangkeule.


Glaskalmar (Teutowenia pellucida): Poor Knights Is-
lands, Neuseeland. Bild: Paul Caiger (iNaturalist).
 
Es ist davon auszugehen, dass die Armhaken des Kolosskalmars eine Beute-Anpassung darstellen: Aufgrund des Phänomens des so genannten Tiefsee-Gigantismus (vgl. Kasten rechts) sind Fische, die zur Beute des Kalmars zählen im Allgemeinen sehr groß und robust gebaut und außerdem sehr schleimig. Ein Fangarm mit konventionellen Saugnäpfen würde die Beute also nur schwer halten können. Andererseits sind die Krallen auch sehr nützlich bei der Abwehr des wichtigsten Fressfeindes des Kolosskalmars - des Pottwals (Physeter macrocephalus): Narben in der Haut gefangener Pottwale zeugen davon.

Zwar verfügen auch andere Kalmar-Gruppen über Tentakel-Krallen, der Riesenkalmar gehört jedoch nicht dazu (mit Ausnahme der zahnbewehrten Ränder der Saugnäpfe).

New Zealand National Museum (Te Papa Tongarewa): Colossal Squid (Arms and Tentacles).
BeyondTheBlue: Why Squids Are So Terrifying In The Antarctic. ( YouTube Video).

Die hakenbewehrten Fangarme des Kolosskalmars erklären auch die Herkunft seines wissenschaftlichen Namens: Mesonychoteuthis setzt sich zusammen aus dem griechischen "μέσος" (mésos): in der Mitte, "ὄνυξ" (ónyx): Kralle und "τευθίς" (teuthís): Kalmar. Nach seinem Entdecker Hamilton heißt er also übersetzt Hamiltons Mittelkrallenkalmar. Systematisch gehört er in der Ordnung Oegopsida jedoch zu einer anderen Gruppe als die Riesenkalmare, und zwar zur Familie der Gallertkalmare (Cranchiidae: vgl. Systematik der Kopffüßer!).

Erst 2025 wurde ein 30 cm langes Jungtier des Kolosskalmars bei den südlichen Sandwich-Inseln im Rahmen einer ozeanographischen Expedition im Südatlantik erstmals in freier Wildbahn dokumentiert. Diese Jungtiere oder Paralarven sind durchsichtig und ähneln stark denen des Antarktischen Glaskalmars (Galiteuthis glacialis), der in denselben Gewässern vorkommt. Nachdem die Forscher beide antreffen konnten, war anscheinend eine Unterscheidung anhand der Armkrallen des Kolosskalmars möglich.

Nat Geo Animals: Hunt for the Giant Squid (2019). ( YouTube Video).
Schmidt Ocean Institute: Colossal Squid, 1st Live Observation (2025). ( YouTube Video).
Wikipedia (Englisch): Colossal Squid.

Humboldtkalmar

Seitenanfang.

 
Alexander von Humboldt (1769 - 1859).
Gemälde von Joseph Karl Stieler (Quelle).

Humboldtkalmar (Dosidicus gigas): Isla Mocha, Chile.
Bild: Daniel Martínez-Piña (iNaturalist) Bild vergrößern!
 
Der Humboldtkalmar (Dosidicus gigas) ist der größte Vertreter der Pfeilkalmare (Ommastrephiidae) und der einzige Vertreter seiner Gattung. Er erreicht eine Größe von bis zu 1,5 m Mantellänge bei einer Gesamtlänge von bis zu 2,5 m und ist damit einer der größten Kalmar-Arten, übertroffen natürlich vom zuvor bereits beschriebenen Riesenkalmar (Architeuthis dux) und dem Kolosskalmar (Mesonychoteuthis hamiltoni). Letzterer gehört zur Familie Cranchiidae, neben den Ommastrephidae eine verwandte Familie in der Überfamilie Cranchoidea und der Ordnung Oegopsida ( vgl. Systematik der Kopffüßer!). Im Gegensatz zu den zuvor genannten riesenhaften Kalmaren hat er große Bedeutung für die kommerzielle Fischerei und ist außerdem dadurch aufgefallen, dass er angeblich mehrfach Menschen angegriffen hat.

MolluscaBase: Dosidicus gigas (A. d'Orbigny, 1835).

Der Name des Humboldtkalmars rührt von seinem Hauptverbreitungsgebiet her: Humboldtkalmare sind vor allem entlang der Westküste Süd- und Mittelamerikas zu finden. Dort verläuft der Humboldtstrom (benannt nach dem Forscher Alexander von Humboldt) oder Perustrom, eine kalte, salzarme oberflächennahe Meeresströmung, die ihren Ursprung in der Antarktis hat und entlang der Küste Chiles und Perus nach Norden fließt, bis sie südlich des Äquators die Küste verlässt und nach Westen fließt. Zusammen mit vertikalen Wasserströmungen ("Upwelling"), die nährstoffreiches Wasser aus der Tiefe zuführen, gehört das Gebiet des Humboldtstroms zu den nährstoffreichsten der Erde.

Wikipedia: Humboldtstrom.

In einer Wassertiefe von 200 bis 700 m jagen die Humboldtkalmare hier nach Fischen und anderen Kopffüßern und haben sich dabei von Patagonien bis nach Kalifornien im Norden ausgebreitet. Wenige Exemplare wurden inzwischen auch schon weiter nördlich, z.B. im Puget Sound (Washington State, USA) und British Columbia (Kanada) angetroffen. Eine möglicherweise folgenschwere Veränderung findet allerdings unter anderem durch das Phänomen El Niño statt: Die Erwärmung des Wassers aufgrund meteorologischer Veränderungen hat zur Folge, dass das Wasser weniger Sauerstoff und in weiterer Folge weniger Nährstoffe enthält. Die daraus folgende abnehmende Anzahl an Beutetieren, wie Fischen und anderen Kopffüßern hat letztlich auch eine Abnahme der Humboldtkalmare zur Folge. Ähnliche Folgen sind von der zunehmenden klimatischen Veränderung durch die globale Erwärmung zu erwarten. Klimatische Veränderungen könnten außerdem die Grundlage für Migrationsbewegungen des Humboldtkalmars nach Norden bilden, der zwar sehr niedrigen Sauerstoffgehalt im Wasser tolerieren kann, jedoch den Beutegründen folgt.

Zeidberg, L.D.;  Robison, B.H. (2007): "Invasive range expansion by the Humboldt squid, Dosidicus gigas, in the eastern North Pacific". Proc. Natl. Acad. Sci. U.S.A. 104 (31) 12948 - 12950. (Link).

Humboldtkalmare sind die größten der Pfeilkalmare (Ommastrephidae), die auf Englisch auch als "Flying squid" bezeichnet werden. Sie leben meist in Schulen von bis zu 1200 Tieren. Dank ihres kalmartypischen Rückstoßantriebes können sie sich schwimmend mit einer Geschwindigkeit von bis zu 24 km/h oder 13 Knoten fortbewegen. Zur langsameren Fortbewegung dienen ihnen ihre sehr breit ausgebildeten Mantelflossen.

 
Humboldtkalmar (Dosidicus gigas): La Jolla, Kalifor-
nien, USA. Bild: Ferleys (iNaturalist).
Während des Tages halten sie sich in größerer Tiefe auf und steigen gegen Abend an die Oberfläche auf, um zu jagen. Wie andere Kopffüßer setzen auch die Humboldtkalmare ihre Chromatophoren ein, um die Farbe zu verändern. Dabei scheint es zwei Muster zu geben: Ein Farbwechsel zwischen rötlich und weiß bis zu vier Mal die Sekunde scheint der Kommunikation zwischen den Tieren zu dienen, obwohl die genaue Bedeutung nicht bekannt ist. Eine langsam wellenartig über die Körperoberfläche laufende Farbänderung zwischen rot und weiß scheint hingegen eher dazu zu dienen, die Lichteffekte im Wasser vorzutäuschen und die Tiere so zu tarnen.

Wikipedia (Englisch): Humboldt Squid.

Die Beute des Humboldtkalmars besteht vorwiegend aus kleineren Fischen, Krebstieren und anderen Kopffüßern. Ebenso wie der Kolosskalmar besitzt der Humboldtkalmar einerseits durch Zahnkränze verstärkte Saugnäpfe, sowie andererseits Chitin-Haken in den Fangkeulen der langen Fangarme. Bei der Jagd schwimmt der Kalmar auf die Beute zu und bildet dabei mit den acht kurzen Armen einen Trichter. Kommt eine Beute zu nahe, schleudert der Kalmar die langen Fangarme mit großer Geschwindigkeit nach vorne, greift die Beute mit den hakenbewehrten Fangplatten und führt sie den kleineren Armen zu. Diese wiederum führen die Beute zum Mund, wo der scharfe Schnabel, unterstützt von der Radula, die Beute zerkleinert, bevor der Kalmar sie verschluckt.

Ob und inwieweit Humboldtkalmare tatsächlich koordiniert jagen, ist strittig. Mehrere Arbeiten vertreten diese Ansicht, jedoch wird die Gültigkeit teilweise angezweifelt.

Helena Smith (Deep Sea News): Coordinated Hunting in Red Devils.
BBC Earth: 2 Metre Long Humboldt Squid Hunt In Packs. ( YouTube Video).


Taucher begegnen einem Humboldtkalmar (Dosidicus gigas).
Quelle: The Travel Edit: Red Devil Squid Bites Diver.
 
Auf Spanisch wird der Humboldtkalmar auch als "diablo rojo" oder roter Teufel bezeichnet: Es gibt zum einen vielfältige Hinweise darauf, dass Humboldtkalmare auch Artgenossen fressen, seien es kleinere, schwächere oder verletzte Exemplare. Zudem sind Humboldtkalmare recht groß und treten oft in großer Zahl in einem Gebiet auf, das aufgrund seines Fischreichtums auch von der lokalen Fischerei genutzt wird. Zusammenstöße sind daher nahezu vorprogrammiert.

Allerdings liegt der zum Teil auch von der Literatur und in Filmproduktionen übernommene Schimpfname zum einen vor allem darin begründet, dass die Tiere (wie viele Kopffüßer) insbesondere im aggressiven Zustand eine rote Färbung zeigen und dass sie zum anderen durchaus auch gegenüber Menschen aggressives Verhalten zeigen können: Das geschieht allerdings vor allem während ihrer Nahrungsaufnahme, z.B. durch Beute-Verwechslungen, und außerdem, wenn sich die Kalmare durch besonders bunte Ausrüstung oder Lampen des Tauchers provoziert fühlen. Dann allerdings ist der kräftige Schnabel durchaus dazu in der Lage, die menschliche Haut zu durchdringen. Taucher tragen daher in Gebieten, wo mit dem Auftreten von Humboldtkalmaren zu rechnen ist, oftmals einen Kettenpanzeranzug oder ähnliche Schutzmaßnahmen.

The Travel Edit: Red Devil Squid Bites Diver. ( YouTube Video).

Der Humboldtkalmar ist eine der am meisten durch den Menschen genutzte Art von Kopffüßern. Er wird vorwiegend mit Köder tragenden Langleinen gefischt. Der Konsum von in der Größenordnung einer Mio. Tonnen von Humboldtkalmaren durch den Menschen jährlich ist auch insofern interessant, da Humboldtkalmare, ebenso wie der Riesenkalmar und der Kolosskalmar (s.o.) Ammoniakverbindungen enthalten, um den Auftrieb zu unterstützen, auch wenn der Humboldtkalmar erheblich agiler ist als die zuvor genannten Arten.

Daher muss das Fleisch des Humboldtkalmars zunächst behandelt werden, bevor es vom Menschen konsumiert werden kann: Eine Methode ist zum Beispiel, dass die frisch gefangenen Kalmare zunächst weichgeklopft werden, anschließend drei Stunden in Eiswasser mit einer 1%igen Milch- und Zitronensäurelösung eingelegt, dann gewaschen und schließlich in einer 6%igen Salzlake-Lösung weitere drei Stunden eingelegt werden. Erst dann können sie, z.B. als Kalmarsteaks, auf dem Fischmarkt angeboten werden.

Seitenanfang.

Letzte Änderung: 24.05.2026 (Robert Nordsieck).
Link-Überprüfung: 24.05.2026.