Die Ernährung der Schnecken II

Fleischfressende Landschnecken

Teil I: Grundlagen, pflanzenfressende und aasfressende Landschnecken Teil II: Fleisch fressende Landschnecken Teil III: Meeresschnecken

Neben aasfressenden Schnecken gibt es, wie schon erwähnt, auch Schnecken, die sich fast ausschließlich von anderen Tieren ernähren. Die einheimischen fleischfressenden Schneckenarten fressen vorwiegend Regenwürmer, Insektenlarven und andere Schnecken, bzw. deren Gelege. Da der Regenwurm deutlich länger ist, als die Schnecke, wird er oftmals an einem Ende bereits verdaut, während das andere Ende noch heraus schaut.


Rötliche Daudebardie (Daudebardia rufa), eine Raubschnecke,
die u. a. Regenwürmer frisst. Quelle:  biolib.cz (Jiří Novák).
 
 
Radula von Daudebardia rufa.
Quelle: FALKNER (1990).

Raubschnecken sind etwa die Daudebardien und Testacellen, wegen ihrer vorwiegend unterirdischen Lebensweise außer in Fachkreisen fast unbekannt. In Großbritannien wurde eine andere Art sogar erst unlängst entdeckt und gehört zudem zu einer Gruppe, die sonst in Europa nicht vertreten ist, den Trigonochlamydidae:

Walisische Geisterschnecke (Selenochlamys ysbryda).

Besonders spektakulär sind bei diesen Schneckenarten die sichelförmigen Radula-Zähnchen, die es ihnen erleichtern, ihre Beute zu packen und zu verschlingen.

Während die zuvor genannten einheimischen Raubschnecken so genannte Halbnacktschnecken sind - ihr Gehäuse ist zugunsten besserer Beweglichkeit stark reduziert und zu einem muschelähnlichen Rest auf dem hinteren Rücken des Tieres verkümmert - gibt es auch viele Nacktschnecken, die andere Schnecken fressen. Zu diesen gehört zum Beispiel der Tigerschnegel (Limax maximus) und der Wurmschnegel (Boettgerilla pallens), der zu einer verwandten Familie gehört.

Aber auch unter den einheimischen Gehäuseschnecken findet man zahlreiche räuberische Arten: Viele Glanzschnecken (Aegopinella und Oxychilus), aber auch die Glasschnecken (Vitrinidae). Letztere haben eine besonders interessante Jagdmethode: Sie sind gegen Kälte weniger empfindlich als andere Landschnecken, also brauchen sie nur abzuwarten, bis diese in Kältestarre verfallen, um sie ohne Gegenwehr fressen zu können. Zum Glück werden Glasschnecken nur wenige Zentimeter groß.

 
Sizilianische Raubschnecke (Poiretia dilatata)
mit einem erbeuteten Pomatias elegans.
Bild: Fabio Liberto, Natura Mediterraneo.

Der Sohlenabdruck einer Poire-
tia
. Bild: Fabio Liberto.
 

Eine andere interessante Jagdmethode hat die Dalmatinische Raubschnecke (Poiretia cornea), die an der Adriaküste von Monfalcone bis Albanien vorkommt. Ein weiterer Verwandter ist die Sizilianische Raubschnecke (Poiretia dilatata).

Die bevorzugte Beute dieser Raubschnecken sind Landdeckelschnecken der Gattung Pomatias. Aufgrund des Schalendeckels dieser Schnecken kann die Raubschnecke nicht einfach durch die Mündung ins Innere der Schale eindringen, um ihre Beute zu fressen. Statt dessen hat sie eine Säuredrüse im Fuß entwickelt, mit deren Sekret sie die Schalenwand der Beute auflöst, um diese anschließend ohne eine mögliche Gegenwehr fressen zu können.

Walter Pfliegler: Youtube-Video von Poiretia cornea aus Kroatien.

Systematisch gesehen gehört Poiretia zur Familie Oleacinidae, einer ausschließlich räuberisch lebenden Landschneckenfamilie, die vorwiegend neotropisch, also in Südamerika (vgl. Faunenprovinzen) vorkommt. Taxonomisch bildet die Familie zusammen mit den oben bereits genannten Testacellidae eine gemeinsame Überfamilie, die Oleacinoidea.

Trotz ihres blumigen Namens ist ein weiteres Mitglied der Familie, die Rosige Wolfsschnecke (Euglandina rosea), kein freundlicher Zeitgenosse:

Ihre Lippen sind fühlerartig verlängert, so dass sie ihre Beute - andere kleinere Landschnecken - entlang deren Schleimspur verfolgen kann. Dabei macht Euglandina auch vor Wasserläufen nicht halt und verfolgt die Beute selbst auf Bäume. Größere Schnecken werden stückweise gefressen, kleinere im Ganzen, mitsamt ihrer Schale. Schon die Jungtiere fressen ihre schwächeren Geschwister und gewinnen so selbst an Stärke.


Rosige Wolfsschnecke (Euglandina rosea), junges Exemplar.
Bild: Bill Frank, Jacksonville Shell Club.
 

Auf den Inseln Französisch Polynesiens wurde die dort nicht ursprünglich heimische Wolfsschnecke vom Menschen eingeführt, um der durch die ebenfalls nicht ursprünglich heimischen großen Achatschnecken entstehenden Plage Herr zu werden.

Die Wolfsschnecke jedoch neigt eher dazu, kleine Baumschnecken zu verfolgen, als sich mit den riesigen Achatschnecken zu befassen - in der Folge sind zahlreiche Arten der kleinen, nur auf bestimmten Pazifikinseln vorkommenden Baumschneckenarten (zum Beispiel der Gattung Partula) heute ausgestorben.

 
Dromedar-Springschnecke (Hemphillia dromedarius, rechts) und Lan-
zenzahn-Raubschnecke (Haplotrema vancouverense, links).
Bild: Kristiina Ovaska (Quelle).

Eine weitere außereuropäische Raubschneckenart ist die Lanzenzahn-Raubschnecke (Haplotrema vancouverense). Diese im Nordwesten der USA und in British Columbia vorkommende Art stellt vor allem kleineren Nacktschneckenarten nach. Manche davon haben eine interessante Fluchtmethode entwickelt: Sie entziehen sich dem Beutegreifer durch wildes Winden und Springen, so dass sie schließlich vom Baumstamm fallen. Auf Englisch nennt man sie daher "jumping slugs" oder Springschnecken.

Springschnecken (Hemphillia).

Aus Ost- und Südostafrika ist andererseits Natalina cafra (Familie Rhytididae) bekannt. Bei dieser kann man gut erkennen, wie lang der Vorderkörper ist, so dass die Schnecke gut weit in die Mündung ihrer Beute hineinreichen kann, um sie zu fressen. Zudem ist die Endwindung des Gehäuses recht weit, so dass die Schnecke kleinere Schnecken auch ganz fressen kann.

Natalina cafra, eine südafrikanische Raubschnecke auf dem Forum von weichtiere.at.

Jonathan Wojcik: Ghastly Gastropoda: Top Ten Predatory Slugs and Snails.

Weiterführende Literatur