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Seeschmetterlinge und See-Engel

Seeschmetterlinge (Thecosomata)


Cuvierina columnella, Cavoliniidae. Sargasso-See.
Bild: Russ Hopcroft (CMarZ).
 

Seeschmetterlinge und See-Engel haben gemeinsam, dass sie beide über besonders ausgebildete Parapodien verfügen. Die Parapodien sind seitliche Erweiterungen des Fußes, die diese Schnecken wie Flossen einsetzen, um damit im Zooplankton des offenen Meeres zu schwimmen. Das Aussehen der Parapodien ist bei beiden Gruppen aber recht verschieden, ebenso, wie ihre Lebensweise. Während die Seeschmetterlinge relativ langsame Schwimmer mit sehr großen, segelförmigen Parapodien sind, die von Plankton leben, sind die See-Engel recht schnelle Räuber mit kleinen flossenartigen Parapodien, die Jagd auf Seeschmetterlinge machen.

 
Diacria trispinosa, Cavoliniidae. Sargasso-See.
Bild: Russ Hopcroft (CMarZ).

Im Gegensatz zu anderen Meeresschnecken, die als Larvenstadium (Veliger-Larve) einen Teil ihres Lebens im Plankton verbringen (Meroplankton), sind Seeschmetterlinge und See-Engel zeitlebens Bestandteil des Planktons, sie sind holoplanktontische Lebewesen. Als solches haben sie große Bedeutung für die Nahrungskette des Meeres, sie dienen sowohl Fischen, als auch Walen, als Nahrung.

Cuvier bezeichnete 1804 gemeinsam beide gemeinsam als Pteropoda (Flügelfüßer oder Flügelschnecken), ein Begriff, der sich als systematische Bezeichnung nicht halten konnte, aber auf die Gemeinsamkeiten der beiden frei schwimmenden Gruppen hinweist. Dennoch scheinen aber neue molekularbiologische Erkenntnisse darauf hinzuweisen, dass diese alte Bezeichnung doch Rechtfertigung besitzt.

  Klussmann-Kolb, A.; Dinapoli, A. (2006): "Systematic position of the pelagic Thecosomata and Gymnosomata within Opisthobranchia (Mollusca, Gastropoda) - revival of the Pteropoda". Journal of Zoological Systematics and Evolutionary Research 44: 118.

Die Seeschmetterlinge mit der systematischen Bezeichnung Thecosomata (griechisch: Schalenkörper) haben zwar, wie viele Hinterkiemer, ihre Schale zugunsten größerer Beweglichkeit reduziert, aber die meisten von ihnen besitzen noch ein dünnes durchsichtiges Gehäuse, das aus Kalk besteht. Deswegen sind sie auch empfindlich gegen die zunehmende Übersäuerung des Meerwassers, weil ihre Kalkschale dadurch angegriffen wird. Seeschmetterlinge sind sehr kleine Tiere, die Schale ist ungefähr einen Zentimeter groß. Man geht davon aus, dass bis ins Jahr 2050 aus diesem Grund in manchen Teilen der Erde die Schalen tragenden Seeschmetterlinge ausgestorben sein werden.

Seeschmetterlinge fangen ihre Nahrung mit Hilfe eines etwa 5 cm großes Schleimnetzes, das sie bei Gefahr im Verzuge abwerfen können. Ähnlich wie Perlboote (Nautilus) wandern sie im Tagesverlauf ihrer Nahrung folgend auf und ab; während sie tagsüber im tieferen Wasser anzutreffen sind, halten sie sich nachts an der Oberfläche auf.

 
See-Engel und Seeschmetterlinge im Polarmeer.
Film von National Geographic auf Youtube.com.

Seeschmetterlinge sind geologisch möglicherweise eine sehr junge Gruppe, die fossil erst seit dem späten Paläozän (vor etwa 57 Mio. Jahren) nachgewiesen sind. Ökologisch haben sie eine bedeutende Rolle an der Basis der Nahrungskette inne, da sie zahlreichen Fischarten als Nahrung dienen. Auch sind sie die einzige Nahrungsquelle der See-Engel.

See-Engel oder Ruderschnecken (Gymnosomata)


Clione limacina, Clionidae. Nordmeer.
Bild: Kevin Raskoff (Quelle).
 

Im Gegensatz zu den Seeschmetterlingen ist die Schale der See-Engel völlig reduziert, was ihnen den systematischen Namen Gymnosomata (griechisch: Nacktkörper) eingebracht hat. Da sich viele Arten fast ausschließlich von Seeschmetterlingen ernähren (andere außerdem von anderem Zooplankton), haben sie sich weitgehend gemeinsam mit diesen entwickelt - Größe und Verhalten sind dem ihrer Beute angepasst. Und so wird auch die größte See-Engelart, Clione limacina, gerade einmal 5 cm groß. Die Arten der sechs Familien von See-Engeln, die in wärmeren Gewässern vorkommen, sind deutlich kleiner. Mit ihren kleinen flossenförmigen Parapodien (s. o.) führen sie eine ruderartige Bewegung aus, die ihnen ihren deutschen Namen Ruderschnecken eingebracht hat. Während See-Engel in Ruhephasen etwa ein bis zweimal in der Minute mit den Parapodien schlagen und sich recht langsam bewegen, können sie sich auf der Jagd kurzfristig auch deutlich schneller bewegen.

Das Jagdverhalten von See-Engeln ist unterschiedlich - es gibt Lauerjäger und Arten, die ihre Beute verfolgen. Manche See-Engelarten besitzen zusätzliche Tentakel, manche sogar mit Saugnäpfen, um ihre Beute festzuhalten, während sie sie fressen. Um selbst vor Fressfeinden geschützt zu sein, produziert der Antarktische See-Engel Clione antarctica einen Abwehrstoff, ein erst kürzlich entdecktes Molekül namens Pteroenon. Flohkrebse (Hyperiella dilatata) nutzen dies aus, fangen einen See-Engel aus der großen Zahl heraus und tragen diesen mit sich herum, um selbst gegen Fressfeinde geschützt zu sein. Antarktische See-Engel kommen zum Teil in Dichten von bis zu 300 Individuen pro Kubikmeter Meerwasser vor.

Neuweiler, G.; Heldmaier, G.: "Vergleichende Tierphysiologie", Springer-Verlag 2003; S. 132.
Bill Rudman: Clione antarctica auf seaslugforum.net.

Wie andere schalenlose Hinterkiemerschnecken, haben auch See-Engel erst nach ihrer Metamorphose keine Schale mehr: Die Larve schlüpft mit einer Schale aus dem Ei, die allerdings wenige Tage nach dem Schlüpfen abgeworfen wird.