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Die systematische Einordnung der Weinbergschnecke

Systematik in der Biologie

Systematik - Was ist das? Ein allgemeiner Überblick über die biologische Systematik.

Die Biologie beschäftigt sich nicht ausschließlich mit der Beobachtung und Beschreibung der unterschiedlichen Lebensformen auf der Erde, sie versucht auch, die bekannten Lebensformen zu vergleichen und zu ordnen. Zu diesem Zweck braucht man ein zusammenhängendes System, in dem alle bekannten Lebensformen nach dem Grad ihrer Verwandtschaft geordnet sind. Man bezeichnet den Zweig der Biologie, der sich mit der Entwicklung dieses Systems beschäftigt, als Systematik.

Im Rahmen der systematischen Arbeit muss man sich besonders mit zwei Zielsetzungen beschäftigen:

Zum einen muss jede bekannte Verwandtschaftsgruppe ins System eingeordnet werden: Sie wird größeren Gruppen zugeordnet und in kleinere Gruppen unterteilt, die alle die Grundeigenschaften der Gruppe aufweisen, sich jedoch in weiteren Eigenschaften noch voneinander unterscheiden. Diese systematische Ordnung und Gruppierung bezeichnet man als Klassifikation..

Mit dem Wissen dieser Klassifikation muss jede bekannte Gruppe einen systematisch richtigen wissenschaftlichen Namen erhalten, der ihren Status innerhalb des Systems wiedergibt. Die wissenschaftliche Namengebung bezeichnet man auch als Nomenklatur (s. u.).

Klassifikation

Die kleinste bekannte Verwandtschaftsgruppe ist die jener Lebensformen, die sich verwandtschaftlich so nahe stehen, dass sie sich untereinander paaren können und fruchtbare Nachkommen hervorbringen. Man bezeichnet eine solche Gruppe als eine Art. Mehrere unterschiedliche Arten, die einander sehr ähnlich sind, aber sich untereinander eben nicht kreuzen können, fasst man als Gattung zusammen.
Aus der Gesamtheit bekannter Gattungen und Arten, die von gemeinsamen Vorfahren abstammen und sich daher im Bau ihrer Organe nennenswert von anderen verwandten Gruppen unterscheiden, bildet man üblicherweise eine Familie, aus mehreren Familien eine Ordnung, aus mehreren Ordnungen eine Klasse. Die verwandten Klassen, deren Bauplan sich auf ein gemeinsames Modell zurückführen lässt, fasst man zu einem Stamm zusammen. Die wenigen Stämme sind die Großgruppen der beiden großen Reiche der Tiere und Pflanzen.
Diese Klassifikation ist schon mehrere hundert Jahre alt und kann der Fülle bekannter Arten und Verwandtschaftsbeziehungen kaum mehr gerecht werden. Aus diesem Grund begann man zunächst, weitere Unterteilungen vorzunehmen und Unterfamilien, Überordnungen usw. zu bilden. Mit dem Aufkommen der so genannten phylogenetischen Systematik (Kladistik) wurden diese herkömmlichen systematischen Begriffe in zunehmendem Maße nicht mehr benutzt. Stattdessen bürgerte sich die Bezeichnung des Taxon für jede systematische Gruppe, gleich welchen Status, ein.

Nomenklatur

 
Auf den schwedischen Gelehrten Carl v. Linné (Lin-
naeus, 1707 - 1778) gehen zahlreiche wissenschaft-
liche Namen zurück, die auch heute noch gebräuch-
lich sind, wie z.B. Helix pomatia Linnaeus 1758, die
Weinbergschnecke.

Die Weinbergschnecken sind eine sehr gut geeignete Möglichkeit, sich die Bedeutung einer wissenschaftlichen Namengebung (Nomenklatur) vor Augen zu führen. Zum einen ist "Weinbergschnecke" die deutsche Bezeichnung für eine Art, nämlich die bei uns häufigste Weinbergschnecke, sozusagen die gewöhnliche Weinbergschnecke. "Weinbergschnecken" bezeichnet aber auch die ganze Gattung, zu denen auch die Gestreifte, die Gefleckte und die Schwanzmündige Weinbergschnecke gehören. Im Französischen heißt die Weinbergschnecke "Escargot", die bei uns heimische Weinbergschnecke speziell "Escargot de Bourgogne". Der Begriff "Escargot" bezeichnet aber auch jede andere Gehäuseschnecke, speziell eine essbare Art. So kommt es, dass als "Weinbergschnecken" sogar eine größere Gruppe von Landschnecken bezeichnet wird, die biologisch im engeren Sinne gar nicht alle Weinbergschnecken und auch nur weitläufig mit ihnen verwandt sind.

Zwei Dinge werden dadurch klar: Ersten wird eine geeignete Namengebung notwendig, die systematische Zusammenhänge wiedergibt, d.h. eine Familie oder Gattung muss einen anderen Namen tragen, als die Arten, die dazu gehören. Zweitens braucht man eine Namengebung, die Unterschiede zwischen den Sprachen überbrückt, so dass man sich im wissenschaftlichen Dialog auch mit einem Amerikaner oder Franzosen unterhalten kann, ohne alle systematischen Begriffe in seiner Sprache kennen zu müssen. Dabei muss man bedenken, dass es zusätzlich zu den allgemein gebräuchlichen Bezeichnungen auch noch eine Vielzahl von Dialektbegriffen gibt, die man außerhalb einer bestimmten Provinz nicht kennt.

Dieses Problem wurde im 18. Jahrhundert zunehmend bekannt, da viele Adlige so genannte Naturalienkabinette besaßen, in denen Tiere, Pflanzen und Mineralien aus allen bekannten Teilen der Welt gesammelt wurden. Aus vielen dieser Naturalienkabinette wurden die Grundstöcke der Sammlungen der heutigen Naturhistorischen Museen.

Bei der Bearbeitung einer solchen Sammlung entwickelte der schwedische Gelehrte Carl von Linné Ende des 18. Jahrhundert sein System der Natur. Im Besonderen zeichnet er sich jedoch dadurch aus, dass er dazu die heute gebräuchliche binäre Nomenklar verwendete: Jede Art erhält heute einen festen wissenschaftlichen Namen, der aus zwei Einzelbegriffen, sozusagen Vor- und Zuname, besteht. Der zweite, klein geschriebene, Name bezeichnet die Art. Der erste, groß geschriebene, Name bezeichnet die Gattung, zu der diese Art gehört. Beide und alle anderen Begriffe aus der biologischen Systematik stammen aus dem Griechischen oder Lateinischen, sind jedoch immer latinisiert. Die bei uns heimische Weinbergschnecke heißt daher, gleich in welchem Land, Helix pomatia, im Gegensatz zu Helix lucorum, Helix cincta usw. Zusätzlich zum wissenschaftlichen Namen einer Gruppe wird außerdem der Vollständigkeit halber immer angegeben, welcher Autor die Gruppe erstmals wissenschaftlich beschrieben hat und daher den Namen geprägt hat. So lautet der Name der Weinbergschnecke in vollständiger Form Helix pomatia Linnaeus 1758.

Cornu aspersum
Gefleckte Weinbergschnecke (Cornu aspersum).
Bild: Robert Nordsieck.
 

In wissenschaftlichen Publikationen werden die systematischen Bezeichnungen der Arten und Gattungen üblicherweise kursiv geschrieben, die Autorennamen hingegen in Kapitälchen oder Blockbuchstaben.

Seitdem hat die biologische Forschung jedoch auch auf dem Gebiet der Systematik viele neue Erkenntnisse ergeben, zu denen in zunehmendem Maße auch moderne Methoden, wie die Molekulargenetik, beitragen. Viele althergebrachte wissenschaftliche Bezeichnungen sind vor diesem Hintergrund nicht mehr zu gebrauchen.

So wird die Gefleckte Weinbergschnecke oftmals noch mit ihrem veralteten Namen Helix aspersa genannt. Systematisch wird sie aber schon lange nicht mehr zur Gattung Helix, sondern zu einer eigenen Gattung gezählt und heißt daher richtig Cornu aspersum (O.F. MÜLLER 1774). Da Müller jedoch 1774 die gefleckte Weinbergschnecke unter dem Namen Helix aspersa beschrieb, wird sein Name heute in Klammern aufgeführt.

 
Die Nudelschnecke (Eobania vermiculata) gehört nicht zu den
Weinbergschnecken (Helix)! Bild: © Vollrath Wiese.

Vgl.: Das "Cornu-Problem".

Regeln der Nomenklatur.

Andere Schneckenarten, die mit den Weinbergschnecken weitläufig verwandt sind, werden im allgemeinen Sprachgebrauch oft auch als Helix bezeichnet, obwohl sie keine Weinbergschnecken sind. Dazu gehören besonders einige nicht zu den Weinbergschnecken gehörende, jedoch essbare Schneckenarten, die daher als "Falsche" Weinbergschnecken aufgeführt werden.

Der wissenschaftliche Name einer systematischen Gruppe ist international gültig und darf daher nicht willkürlich gewählt werden. Zwar hat der Autor, der als erster eine Art im Rahmen einer wissenschaftlichen Arbeit beschreibt, das Recht, sie zu benennen, jedoch gilt das Gesetz der Zweifelsfreiheit: Ein wissenschaftlicher Name muss zweifelsfrei eine bestimmte Gruppe bezeichnen und darf daher nicht mehrfach vorkommen. Andererseits darf eine Gruppe nicht mehrere Namen besitzen: Der zuerst veröffentlichte Name hat Gültigkeit. Eine internationale Kommission, die ICZN, entscheidet bei Streitfällen.

Systematik der Schnecken (Gastropoda).
Schnirkelschnecken (Helicidae) - Systematische Übersicht.