This page in English!  

Schalenrückbildung bei anderen Schneckengruppen


Helicarion niger aus Australien. Bild: Lorraine Phelan (Quelle).
 

Die einheimischen Glasschnecken sind keineswegs die einzigen Landschnecken, bei denen die Entwicklung zur Nacktschnecke aktuell stattfindet. Die Familie Helicarionidae beispielsweise kommt in der östlichen Paläarktis (vgl. Faunenprovinzen der Erde), Malagasy (Madagaskar), Indien, Südostasien und Australien vor.

Während die namengebende Gattung Helicarion bereits einen weiten Schritt in der Vitrinisierung gegangen ist, gibt es in der Familie sehr wohl andere Gruppen, die noch eine vollständige äußere Schale besitzen. Die Gattung Parmarion auf der anderen Seite hat ein seltsames buckliges Aussehen, weil die Schale vom Mantel überwachsen ist.

 
Dromedar-Springschnecke ("dromedary jumping slug", Hemphillia drome-
darius
). Bild: Kristiina Ovaska (Quelle).

Bemerkenswert ist auch, dass die Familie Helicarionidae einen Liebespfeil produzieren, der aus Chitin besteht, nicht aus Kalk, wie z.B. bei den Schnirkelschnecken (Helicidae).

Unterschiedliche Grade der Vitrinisierung kann man auch bei den "jumping slugs" des amerikanischen Nordwestens beobachten, die ebenso wie Parmarion bucklig aussehen, weil die Schale zumindest teilweise vom Mantel überwachsen ist. Passenderweise heißt daher Hemphillia dromedarius auch die "Dromedar-Springschnecke", weil sie eben wie ein Kamel aussieht.

Der Name Springschnecken oder besser "jumping slugs" (obwohl diese Schnecken noch eine Schale besitzen, diese nur teilweise verdeckt ist, werden sie auf Englisch schon als "slugs" - Nacktschnecken - bezeichnet) rührt von einem sehr interessanten Verhalten her, das diese Schnecken an den Tag legen, um sich vor räuberischen Schnecken wie dem Lanzenzahn ("Robust lance tooth, Haplotrema vancouverense) zu retten:


Dromedar-Springschnecke (Hemphillia dromedarius, rechts) und Lan-
zenzahn-Raubschnecke (Haplotrema vancouverense, links).
Bild: Kristiina Ovaska (Quelle).
 

Sie springen oder besser, sie führen eine rollende Bewegung aus, so dass sie vom Baumstamm fallen und so einen möglicherweise lebensentscheidenden Vorsprung erhalten.

Abgesehen von der räuberischen Nachstellung durch Raubschnecken, Käfer und Salamander ist die größte Gefahr für die nordwestamerikanischen Springschnecken die Zerstörung ihres Lebensraumes. Dagegen helfen ihnen auch die akrobatischsten Sprünge nichts.

 
Akrobatik einer Springschnecke. Film von Kristiina Ovaska auf YouTube.

The Nature Conservancy: The secret life of jumping slugs.

Die Springschnecken werden übrigens der Familie Arionidae zugeordnet, zu der auch die europäischen Wegschnecken gehören. Diese wiederum haben die Rückbildung der Schale bereits zu einem solchen Ausmaß erreicht, dass nurmehr einige Kalkkörnchen unter dem Mantel zu finden sind.

Sicherlich gibt es noch mehrere andere Schneckengruppen, in denen man, wie bei Hemphillia, beobachten kann, wie der Mantel allmählich die Schale überwächst.

Es gibt außerdem Nacktschnecken, die nicht wie die europäischen Nacktschnecken aussehen, bei denen der Mantel nur den vorderen Teil des Tieres einnimmt und wie ein Schild (der Mantelschild) aussieht .

So bedeckt beispielsweise bei der nordamerikanischen Nacktschneckenart Megapallifera mutabilis (Familie Philomycidae) der Mantel den gesamten Körper des Tieres (deswegen heißt die Art Megapallifera, also "Träger eines riesigen Mantels"). Auch andere Schnecken aus der Familie Veronicellidae zum Beispiel sehen wie ein großer herumkriechender Mantel aus, selbst die Fühler schauen nur manchmal darunter hervor. Für den Europäischen Besucher, der an die sehr ähnlich aussehenden Nacktschnecken der Gattungen Arion, Limax, Milax und Deroceras gewöhnt ist, sehen solche Nacktschnecken natürlich fast aus, als kämen sie von einer anderen Welt.

Megapallifera mutabilis aus Texas: Abbildung von Paul J. Morris.