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Schnecken (Gastropoda)

Gastropoda Cuvier 1795


Weinbergschnecken (Helix pomatia) sind Landschnecken.
Bild: Robert Nordsieck.
 
   

Schlammschnecke (Radix labiata), eine Süßwasserschnecke.
Quelle: Lars Peters (Original).
 
   

Meerohr (Haliotis thailandis), eine Meeresschnecke.
Bild: Jeffrey Jeffords.
 

Einleitung

 
Klasse Artenzahl
Schnecken (Gastropoda) 43.000
Muscheln (Bivalvia) 10.000
Kopffüßer (Cephalopoda) 650
Kahnfüßer (Scaphopoda) 600
Einschaler (Tryblidia) 20
Käferschnecken (Placophora) 750
Furchenfüßer (Solenogastres) 230
Schildfüßer (Caudofoveata) 120
Weichtiere (Mollusca) 55.400
Artenzahlen der Weichtiere. Diagramm.

Schnecken gehören zu den Tieren, die jedermann kennt. Die sprichwörtlich langsamen Tiere mit dem gewundenen Häuschen begegnen uns nach jedem Regen, kriechen an Gebüsch und Baumstämmen, an Mauern und Felsen empor.

Die Weinbergschnecke (Helix pomatia) ist so eine bekannte Schnecke. Diese größte heimische an Land lebende Gehäuseschnecke (10 cm Körpergröße und 4 cm Schalendurchmesser) kann man vor allem in lichten Gebüschen am Wald- und Wegesrand entdecken, wo sie in den kühlen Abendstunden auf Nahrungssuche herumkriecht. Bei genauerem Hinsehen finden wir Schnecken aber bei entsprechendem Wetter auch an Bäumen im Wald, unter verfaulendem Holz, an Mauern und Felsen. Auch in Siedlungen und Gärten treten Schnecken auf.

Dort sind sie dann erheblich weniger beliebt, denn vor allem die großen Nacktschnecken wie die Spanische Wegschnecke (Arion vulgaris) können großen Schaden anrichten. Neben diesen gibt es auch viele kleinere Nacktschnecken, die man im Garten finden kann. Diese schädlichen Gartenbesucher werden mit Fallen und Gift verfolgt. Das Gift beeinträchtigt natürlich auch die Tiere, die von diesen Schnecken leben, wie z.B. Igel und Erdkröte.

Schädliche Schnecken im Garten.

Einige andere Vertreter, so zum Beispiel gerade die Weinbergschnecke und ihre nächsten Verwandten, werden gesammelt und gegessen. Schnecken sind wahrscheinlich schon seit der Steinzeit ein Nahrungsmittel, das besonders in Zeiten allgemeiner Nahrungsknappheit genutzt wurde. Aus römischen Ausgrabungen wissen wir, dass in den Vorräten der römischen Legionen schon Schnecken aus dem Mittemeerraum mitgeführt wurden. Durch die wachsende Ausbreitung des römischen Imperiums wurden Schnecken wie die Gefleckte Weinbergschnecke (Cornu aspersum) weit über ihren ursprünglichen Verbreitungsraum ausgebreitet. Für einen wirtschaftlichen Handel mit essbaren Schnecken sind heute jedoch Zuchtbetriebe notwendig.

Wirtschaftliche Schneckenzucht.

Tatsächlich sind dies nur einige sehr wenige Beispiele für Vertreter der größten und vielfältigsten Gruppe der Weichtiere. Im Ganzen gibt es etwa 43.000 bekannte Schneckenarten (etwa 78% aller Weichtiere), die keineswegs nur an Land leben. Schnecken mit dem bekannten gewundenen Gehäuse findet man auch in Flüssen, Teichen und anderen Gewässern. So treffen wir zum Beispiel oft die großen Schlammschnecken (Lymnaea stagnalis) in Gartenteichen an, wo sie im Gegensatz zu ihren Verwandten in den umliegenden Gemüsebeeten kaum Schaden anrichten.

Im Meer sind Schnecken, wie die übrigen Weichtiere, auch vertreten. Es gibt Schnecken an den Felsen der Küste, auf dem Ozeanboden in unterschiedlichen Meerestiefen, bis in die tiefsten Ozeangräben, an Korallenriffen und sogar an heißen Quellen, den so genannten Hot Vents.

Zusätzlich gibt es einige Schneckengruppen, die man ohne weiteres nicht einmal als Schnecke erkennen würde, so zum Beispiel die Meeresnacktschnecken mit ihren farbenfrohen Kiemenbüscheln, oder das Meerohr (Haliotis), das mit seiner ohrenförmigen Schale mehr an eine Muschel erinnert. Allgemein werden Meeresschnecken oft mit Muscheln verwechselt. Mit ein Grund dafür ist, dass beide auf Englisch "shells" heißen.

Landschnecken
Süßwasserschnecken
Meeresschnecken

Morphologie

 
Schema einer Urschnecke. Erklärung in "Körperbau eines Weichtiers".
Quelle: Livingstone, Biodidac, weitere Bearbeitung: R. Nordsieck.

Vergleicht man jedoch die erwähnten und abgebildeten Schneckengruppen, so findet man neben weichtiertypischen Merkmalen auch einige charakteristische Merkmale, die Schnecken grundsätzlich und eindeutig von anderen Weichtieren unterscheiden.

Der Bau des Schneckenkörpers: Charakteristische morphologische Eigenschaften.

Fuß

Bei den meisten Schneckenarten kann man einen muskulösen Kriechfuß mit flacher Sohle erkennen, auf der das Tier sich zwar langsam, aber dennoch erkennbar, fortbewegt. Neben der ursprünglichen kriechenden Fortbewegung, wie man sie bei den meisten bodenlebenden Schnecken, von Napfschnecken bis hin zur Weinbergschnecke, antrifft, existieren noch zahlreiche alternative Fortbewegungsmethoden. So können die meisten dieser Schnecken den Fuß auch zum Graben nutzen. Bei Meeresschnecken gibt es viele, besonders schalenlose, Gruppen, die im freien Wasser schwimmen können.

Kopf

Am vorderen Ende des Fußes erkennt man einen Kopf mit Augen und einer unterschiedlichen Anzahl von Fühlern. Während viele (nicht alle) Landschnecken vier Fühler besitzen, von denen das größere Paar die Augen trägt, besitzen die übrigen Schnecken höchstens zwei Fühler, die fadenförmig sein können oder sogar wie Ohren aussehen.

Die Augen der Schnecken.


Vorderkiemerschnecken, wie die Gemeine Schnauzenschnecke
(Bithynia tentaculata) tragen einen Deckel am Fußende.
Bild: Lars Peters (Original).
 

Deckel

Am Hinterende des Fußes tragen viele wasserlebende und einige landlebende Schnecken einen Deckel aus Horn oder Kalk, der die Schalenmündung verschließt, wenn das Tier sich zum Schutz zurück zieht. Die meisten Landschnecken haben keinen Deckel. Mit ihrem säbelförmigen Schalendeckel können die Fechter- oder Flügelschnecken (Strombus gigas) sich nicht nur selbst verteidigen, sondern sich auch in typischer Weise auf dem Ozeanboden springend fortbewegen, indem sie sich mit dem Deckel abstoßen.

Radula

Schnecken fressen mit Hilfe ihrer Raspelzunge (Radula). Nach dem Bau der Radula unterscheidet man verschiedene Schneckengruppen, wie z.B. die urtümlichen Balkenzüngler (Docoglossa, z.B. Napfschnecken) oder die räuberischen Giftzüngler (Toxoglossa, z.B. Kegelschnecken). Die Funktion der Radula basiert auf dem selben Prinzip, eine mit Chitinzähnchen besetzte Raspelzunge wird zur Nahrungsaufnahme genutzt, jedoch ist Zahl und Form der Radulazähnchen in Abhängigkeit von der Ernährungsweise der Schnecken unterschiedlich. Pflanzen fressende Schnecken haben meist viele gleichmäßig große Zähnchen. Andererseits haben die räuberischen Kegelschnecken (Conidae) immer einen Radulazahn auf einmal, der die Form einer hohlen Harpune hat und dazu genutzt wird, der Beute Gift zu injizieren.

 
Schale von Lyria guionneti (Volutidae).
Bild: Guido POPPE, conchology.be.

Aufbau der Radula bei Schnecken.

Schale

Die Schale der Schnecken dient vor allem dem Schutz der Rückenseite, aber auch einiger inneren Organe, die in den rückenseitig liegenden so genannten Eingeweidesack ausgelagert sind. Wie die der anderen Weichtiere auch, wird auch die Schale der Schnecken von Zellen des Mantels gebildet, der den Eingeweidesack schützend umgibt. Die meisten Schneckenschalen unterscheiden sich grundlegend von den Schalen der anderen Weichtiere, denn sie sind nicht in einer Ebene gewunden, wie etwa die Schale eines Nautilus, sondern spiralig um die Längsachse. Daher sind sie im Gegensatz zu dieser asymmetrisch.

Die Schale der Schnecken.

Torsion

Grundlegend kann man die Form der Schneckenschale auf einen Vorgang in der Embryonalentwicklung der Schnecke zurückführen. Und zwar drehen sich Mantel und Eingeweidesack um 180° nach rechts, so dass die ursprünglich hinten liegende Mantelhöhle mit dem Atmungsorganen vor dem Herzen zu liegen kommt. Man spricht von einer Torsion. Diesen Zustand findet man bei den meisten Meeresschnecken, die man daher auch als Vorderkiemer oder Prosobranchia bezeichnet. Bei anderen Schnecken entwickelt sich die Torsion durch eine gegenläufige Detorsion später wieder zurück, so dass die Mantelhöhle nunmehr rechts hinter das Herz zu liegen kommt, ein Zustand, den man bei Schneckengruppen findet, die daher als Hinterkiemer oder Opisthobranchia zusammen gefasst werden.


Torsion bei unterschiedlichen Schneckengruppen: a) Vorderkiemer; b) Zwischenstadium; c) Hinterkiemer;
d) Lungenschnecke. Quelle: Urania Tierleben, Wirbellose 1.

Die bei den ursprünglichsten Schneckengruppen parallel verlaufenden Hauptnervenbahnen werden durch die Torsion überkreuzt. Man bezeichnet diesen Zustand als Chiastoneurie, die Vorderkiemer daher auch als Streptoneura (Gekreuztnervige). Im Gegensatz dazu fasst man die Hinterkiemer und die Lungenschnecken (Pulmonata) als Euthyneura (Geradnervige) zusammen.

Die im Süßwasser und an Land lebenden Lungenschnecken nehmen einen Sonderstatus ein, da ihre Kiemen vollständig rückgebildet sind. Stattdessen nimmt das gut durchblutete Dach der Mantelhöhle durch die dünnen Wände seiner Blutgefäße Sauerstoff auf. Analog zur Lunge der Wirbeltiere bezeichnet man auch dieses Organ der Schnecken als Lunge.

Die Torsion und die gewundene Schneckenschale.

Systematik

Die daraus entstehende systematische Aufteilung der Schnecken in Vorderkiemer, Hinterkiemer und Lungenschnecken geht auf die Veröffentlichungen von Thiele (1929 – 1932) zurück und war bis in die 1970er Jahre Grundlage der in allen Lehrbüchern beschrieben Systematik der Schnecken. Im Verlauf dieser Zeit tauchten aber Schneckenarten, besonders von den bereits erwähnten Hot Vents (Heiße Tiefseequellen) auf, die zwar Vorderkiemer sind, aber dennoch näher mit den Hinterkiemern, als mit anderen Vorderkiemern, verwandt sind. Es wurde daher erforderlich, das System der Schnecken zu revidieren. Ergebnis ist ein System, in dem den Euthyneura mehrere gleich bedeutende Gruppen der Streptoneura gegenüber gestellt werden.

Systematik der Schnecken.

 
Porzellanschnecke, Röntgenbild (Bild: Michel Royon) und eine lebende Tiger-Porzellanschnecke
(Cypraea tigris). (Bild: Nick Hobgood). Das Schalengewinde wird nur sichtbar, wenn man die
Schale aufsägt oder im Röntgenbild betrachtet. (Quelle: Wikipedia).

Neben der charakteristisch gewundenen Schneckenschale gibt es allerdings noch zahlreiche andere Schalenformen, die nicht ohne weiteres zu erkennen sind. Napfschnecken beispielsweise sind durch ihre napfähnliche Schalenform, bei der keine Windung mehr zu erkennen ist, an ihren Lebensraum, die Brandungszone der Küste, optimal angepasst. Die charakteristische Schale der Kaurischnecken entsteht dadurch, dass die letzte Windung der Schale alle übrigen Windungen völlig überwächst, so dass man das Gewinde einer Kaurischnecke nur noch sehen kann, indem man die Schale aufschneidet oder im Röntgenbild betrachtet.

Porzellanschnecken in: Der Bau der Schneckenschale.

Sammlungen

Das Sammeln von Schneckenschalen ist besonders seit den großen Entdeckungsreisen der Renaissance zu einem beliebten Hobby geworden. Damals traten in Europa die ersten bunten Schneckenschalen aus den tropischen Meeren auf, die an Fürstenhöfen und in reichen Bürgerhäusern in Naturalienkabinetten gesammelt wurden. Aus vielen dieser Naturalienkabinette wurden später naturhistorische Sammlungen, die wir heute im Museum besichtigen können. Heute sammeln vor allem private Sammler Schneckenhäuser, die je nach ihrem Handelswert sehr hohe Preise erzielen können. Man bezeichnet die Schalenkunde im Gegensatz zur Malakologie als Conchologie.

Links zur Conchologie.