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Großmuscheln

  Heimische Großmuscheln: Systematischer Überblick

Überfamilie Unionacea

Familie Margaritiferidae
Unterfamilie Margaritiferinae
Margaritifera margaritifera (Flussperlmuschel)

Familie Unionidae
Unterfamilie Unioninae
Unio pictorum (Malermuschel)
Unio tumidus (Aufgeblasene Flussmuschel)
Unio crassus (Gemeine Flussmuschel)

Unterfamilie Anodontinae
Anodonta anatina (Gemeine Teichmuschel)
Anodonta cygnea (Große Teichmuschel)
Pseudanodonta complanata (Abgeplattete Teichmuschel)

Teichmuschel oder Entenmuschel (Anodonta anatina).
Bilder: © Alexander Mrkvicka, Wien (mrkvicka.at).
 
   

Ein- und Ausströmsipho einer im Seeboden eingegrabenen
Großen Teichmuschel (Anodonta cygnea).
 

Die großen Süßwassermuscheln der Überfamilie Unionacea (Flussmuschelverwandte) leben am Boden von Fließ- und Stillgewässern, wo sie sich, wie ihre meereslebenden Verwandten, von Plankton ernähren, das sie aus dem Wasser filtern, aus dem sie auch ihren Atemsauerstoff beziehen. Durch die Filtration des Wassers stellen die Großmuscheln einen bedeutenden Faktor im Ökosystem ihres Gewässers dar. Indem sie Schwebstoffe aus dem Wasser ausfiltert und unverdauliche Bestandteile dem Sediment hinzufügt, kann z.B. eine Teichmuschel pro Tag 40 Liter Wasser filtern.

Systematik

Systematisch werden die mitteleuropäischen Flussmuschelverwandten (Unionacea) in zwei Familien eingeteilt, nämlich Flussperlmuscheln (Margaritiferidae) und Flussmuscheln (Unionidae). Zu den letztgenannten zählen zwei Unterfamilien, nämlich die eigentlichen Flussmuscheln (Unioninae) und die Teichmuscheln (Anodontinae) mit jeweils mehreren Gattungen und Arten.

Lebensweise

Während Flussperlmuschel (Margaritifera margaritifera) und Bachmuschel (Unio crassus) charakteristische Fließwasserbewohner sind, die hohe Ansprüche an Sauberkeit und Sauerstoffgehalt des Gewässers stellen (entsprechend sind beide Arten fast ausgestorben) findet man dagegen in großen, langsam fließenden und entsprechend sauerstoffärmeren Flüssen die Gemeine Malermuschel (Unio pictorum), deren Name wahrscheinlich daher kommt, dass ihre Schale früher Malern als Palette gedient hat, und die abgeplattete Teichmuschel (Pseudanodonta complanata). Bewohner stehende Gewässer sind schließlich die Große Teichmuschel (Anodonta cygnea) und die Gemeine Teichmuschel (Anodonta anatina).

In den Mittelmeerländern zwischen Spanien und dem Iran, sowie eingewandert im Oberrheintal, findet man zudem die Südliche Malermuschel (Unio mancus).

Klaus Bogon: "Süßwassermuscheln".

Im Vergleich mit dem Meer sind die kontinentalen Gewässer in Bezug auf Temperatur, Austrocknung, Sauerstoff- und Nahrungsangebot sehr wechselhaft. Für Muscheln war das Leben im Süßwasser nur durch eine entsprechende Anpassung möglich, die beispielsweise die Überdauerung ungünstiger Zeiträume ermöglichte. Teichmuscheln (Anodonta) können, im Schlamm eingegraben, bis zu zwei Monate Trockenfallen überdauern. Teichmuscheln können sich scheinbar ungerichtet auf dem Gewässerboden fortbewegen, indem sie den Fuß in den Schlamm graben und den Körper nachziehen, um so auf kleinem Raum günstigere Lebensbedingungen zu erreichen.

 
Wandermuscheln (Dreissena polymorpha) überwachsen auch
andere Muscheln. Hier eine Bachmuschel (Unio crassus).
Bild: © Alexander Mrkvicka, Wien (mrkvicka.at).

Durch die oftmals sehr veränderlichen Lebensbedingungen in den Binnengewässern kann es, leichter als in marinen Lebensräumen, zur Bildung neuer Arten durch geographische Isolation (z.B. durch Trockenfallen eines Gewässerteils) oder besondere Lebensbedingungen (oftmals vom Menschen bedingt), z.B. besonderen Nährstoffreichtum oder hohe Wassertemperatur, kommen.

Potentiell erreichen die großen Süßwassermuscheln die höchsten Lebensalter im Tierreich. Eine Flussperlmuschel könnte so unter günstigen Umständen ein Alter von bis zu 150 Jahren erreichen. Aufgrund der zunehmend schlechten Lebensbedingungen erreichen nur noch sehr wenige, in Europa praktisch keine Flussperlmuscheln ein so hohes Alter. Günstige Lebensbedingungen für Flussperlmuscheln herrschen heute mit Ausnahme einiger Mittelgebirgsbäche in Bayern, Böhmen und Niederösterreich praktisch nur noch in den entlegenen und von Industrie und Landwirtschaft nicht in Mitleidenschaft gezogenen Regionen Skandinaviens und Nordrusslands.

Entwicklung

 

Innerhalb der Klasse der Muscheln stellen die Flussmuschelverwandten eine weit entwickelte Gruppe dar. Von Vertretern meereslebender Gruppen unterscheiden sie sich unter anderem durch eine weiter entwickelte und an das Leben im Süßwasser angepasste Larvalentwicklung. Freilebende oder planktontische Larven, wie die Veliger-Larve der meisten meereslebenden Muscheln, werden während der Entwicklung der Fluss- und Teichmuscheln nicht gebildet. Stattdessen entwickeln sich die großen Süßwassermuscheln über ein parasitisches Larvenstadium, das so genannte Glochidium.

Zur Paarungszeit, meist im Spätsommer, werden Eizellen vom Eierstock der weiblichen Muschel in ihre blattartigen Kiemen transportiert. Die etwas später vom Männchen ins Wasser entlassenen Samenzellen werden vom Weibchen eingeatmet und befruchten in den Kiemen die Eier der weiblichen Muschel.

 
Glochidien der Bachmuschel (Unio crassus) in
den Kiemen einer Elritze (Phoxinus phoxinus).
Bild: Susanne Hochwald, Quelle: [1]

Dort entwickeln sich anschließend aus den befruchteten Eiern die Larven (Glochidien) der Muschel. Eine Weiterentwicklung der Glochidien zur Jungmuschel ist erst dann möglich, wenn sie von einem vorbeischwimmenden Fisch aufgewirbelt wurden und es ihnen gelingt, sich anschließend im Gewebe des Fisches einzunisten. Nur ein geringer Prozentsatz der bis zu 4 Millionen Glochidien trifft auf einen geeigneten Fisch, und einem weit geringeren Prozentsatz nur gelingt es, sich erfolgreich in seinem Gewebe einzunisten, ohne vom Immunsystem des Fisches abgestoßen zu werden. Manche Muschelarten, so wie die Flussperlmuschel, sind sehr spezifisch in Bezug auf die für eine erfolgreiche Larvalentwicklung erforderliche Wirtsfischart, andere können entsprechend mehrere Arten erfolgreich infizieren.

Aus den Glochidien entstehen schließlich kleine Jungmuscheln, die das Gewebe des Wirtsfisches verlassen und einen geeigneten Standort aufsuchen, an dem sie sich zu einer erwachsenen Muschel entwickeln können. Bis die Muschel jedoch schließlich die Geschlechtsreife erreicht, kann es mehrere Jahrzehnte dauern.

Gefährdung

Heute findet man besonders in den Gewässern des Tieflandes fast keine Muscheln mehr. Zu den Ursachen gehören vom Menschen verursachte (anthropogene) Faktoren, wie Eutrophierung der Gewässer durch Überdüngung und Schadstoffeintrag, daraus resultierenden Sauerstoffmangel und Verhinderung der Fortpflanzung. So kann sich die Bachmuschel z.B. nur dann fortpflanzen, wenn der Nitratgehalt des Wassers unter 10 mg/l liegt. Auch die Versauerung der Gewässer, z.B. durch den aufgrund in der Luft enthaltener Stickoxide aus Abgasen entstehenden Sauren Regen, beeinträchtigt die Fortpflanzungsfähigkeit der Muscheln, besonders der Flussperlmuschel, die in Silikatbächen auf Urgestein, z.B. im Bayrischen Wald, lebt.

Eutrophierung.

Zusätzlich zur zunehmend hohen Gewässerverschmutzung werden die Muschelpopulationen unserer Gewässer besonders durch den rücksichtslosen Gewässerbau in Mitleidenschaft gezogen. Ausgraben und Kanalisieren von Bächen und Flüssen zerstört auch die dort lebenden Muschelpopulationen. Ohne geeigneten Gewässerboden sterben sowohl die Muscheln, als auch die Fische, von denen ihre Entwicklung abhängt.


Bisamratte (Ondatra zibethicus). Bild: Leonard Lee Rue.
 
Fraßplatz einer Bisamratte mit leeren Muschelschalen.
Quelle: [2].
 
Bei der Überbauung von Bächen mit Uferbefestigungen und
Wehren werden meist auch die lokalen Muschelbestände zer-
stört. Quelle: [2]

An tierischen Feinden ist vor allem die vom Menschen aus Amerika eingeschleppte Bisamratte (Ondatra zibethicus) zu nennen, die zwar eigentlich ein Pflanzenfresser (ein Nagetier) ist, aber im Winter, wenn das pflanzliche Nahrungsangebot nicht ausreicht, auch Flussmuscheln frisst.

 
Bitterling und Teichmuschel. 
Bild:
Martin Reichard.

Im Wienerwaldsee leben Malermuscheln (Unio pictorum) und Wandermuscheln
(Dreissena polymorpha). Bild: © Alexander Mrkvicka, Wien (mrkvicka.at).
 

Eine weitere Bedrohung für die großen Muscheln am Gewässerboden ist ausgerechnet eine andere Muschelart - die, wenn auch unfreiwillig, ebenfalls vom Menschen verbreitete Wandermuschel (Dreissena polymorpha) überwächst nicht nur Steine und Felsen, sondern auch andere Muscheln, denen sie durch Nahrungskonkurrenz buchstäblich das Futter vor dem Mund wegschnappt.

Durch die Auswirkungen von Industrie und Landwirtschaft sind besonders die ortsfest lebenden Großmuscheln so stark in Mitleidenschaft gezogen, dass alle mitteleuropäischen Arten bundes- und landesweit auf der Roten Liste stehen. Manche besonders anspruchsvolle Muschelarten, wie die Flussperlmuschel (Margaritifera margaritifera), werden in vielen Regionen, in denen sie vor hundert Jahren noch in großer Zahl vorkamen, heute als ausgestorben betrachtet.

Auf der anderen Seite gibt es auch Tiere, die in ihrer Entwicklung entscheidend von Süßwassermuscheln abhängen. So ist der Bitterling (Rhodeus sericeus amarus), ein kleiner, karpfenähnlicher Fisch, darauf angewiesen, seine Eier im Inneren einer großen Süßwassermuschel, etwa einer Malermuschel oder einer Teichmuschel, abzulegen, so dass sich die Jungen dort geschützt entwickeln können.

Die Flussperlmuschel (Margaritifera margaritifera).
Gefährdung und Schutz der österreichischen Großmuscheln.

Weiterführende Informationen: